Was soll man jetzt lesen, in diesen dunklen Tagen? Gestern saß einer in der U-Bahn und las Tolkiens Roman Der Herr der Ringe. Er handelt von Mordor, dem Reich des Bösen. Kommt es wieder? Überall gibt es versteckte Fingerzeige, vielerorts offenbar hat man das Unheil vorhergesehen, vorweggenommen, und beklommen sehen wir, was wir scheinbar hätten wissen können, hätten wir nur richtig gelesen. Und lesend versuchen wir nun, uns das Ungeheure geheuer zu machen, das Unerklärliche zu erklären. Buchhändler berichten von einer stürmischen Nachfrage nach allen Titeln, die mit dem Islam zu tun haben. Der Koran zum Beispiel, so heißt es, sei ausverkauft. Wer die zweisprachige Ausgabe von Diderichs in die Hand nimmt, braucht eine Weile, bis er kapiert, dass das Buch hinten los geht und vorne aufhört.

Nun gut, man kann ja auch hinten anfangen, manche Romanleser machen das immer, das ist noch die geringste Schwierigkeit. Das Hauptproblem besteht in der Sinngebung des Sinnlosen. Der Kulturphilosoph Theodor Lessing hat 1916 seine berühmt gewordene Kritik der Moderne Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen bezeichnet. Ähnlich sind wir derzeit pausenlos damit beschäftigt, die Bedeutung des 11. September 2001 zu entschlüsseln, und die Feuilletons quellen über vor Interpretationen, die einander ergänzen oder steigern, ausschließen oder konterkarieren. Inzwischen reagieren schon Beiträge auf die Reaktionen und entdecken Antiamerikanismus oder Amerikahörigkeit. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man dennoch reden, weil Schweigen offenbar als noch schlimmer empfunden würde.

Was aber hilft der Hinweis, schon Samuel Huntington oder Benjamin Barber hätten den Kulturkampf zwischen westlicher und islamischer Welt voraussehend beschrieben, was hilft die Entdeckung, dass in Filmen und Romanen dieses oder ein ähnliches Unheil vorweggenommen wurde? Und angenommen, wir kämen der muslimischen Welt lesend und studierend näher, dann könnten uns zwei gleichermaßen unangenehme Möglichkeiten bevorstehen, dass nämlich der Geist des Terrorismus entweder nichts mit dem Geist des Korans zu tun habe oder aber sehr wohl etwas. Und was dann?

So wird also das Studium all der klugen Bücher vermutlich nicht dazu führen können, dass wir die Untat begreifen oder gar verstehen, sondern allenfalls dazu, dass wir unsere eigene Reaktion, unseren Umgang damit besser verstehen.

In der Tat sagt das meiste, was derzeit dazu gedruckt wird, mehr über die Autoren als über das Ereignis. Wir sehen, wie sie sich denkend und schreibend am schieren Wahnsinn abarbeiten und wie sich das schwarze Loch des Sinnlosen allmählich füllt.

So gesehen ist es nicht dümmer, Tolkien zu lesen als Huntington, und statt des Korans könnte man auch die Bibel lesen. Und viele, auch das vermelden die Buchhändler, lesen jetzt den Unheilspropheten Nostradamus. Der kommt immer, wenn es dunkel wird. Aber der Vorgang des Lesens allein ist schon der Versuch, es hell werden zu lassen.