Die Geistesgeschichte Europas beginnt mit Platons Grundbesitzerwerb: Den Hain des Akademos erwarb der Bankierssohn für 30 Drachmen. Seitdem gleicht der Streit der Geister ewigen Auseinandersetzungen von promovierten Schrebergärtnern um Einflussparzellen. Großgärtner wie Aristoteles und Thomas von Aquin oder - wir überspringen die Renaissance - Kantfichtehegelmarx

sie alle reflektierten nicht nur still fürbass, sondern auch, weil es darauf ankam, "die Welt zu verändern". Und wenn es nur um die Eroberung einer Redakteursstelle ging. Damit kommen wir zum deutschen Feuilleton. Hier tobt ein neuer Krieg hinterm Jägerzaun: Die Amerikanisten gegen die Antiamerikanisten im Schatten des Terrors von New York.

Jene, sie schreiben in der Welt, im Tagesspiegel und in der FAZ, sind zum Teil ehemalige Linke, die ihre trotzkistischen Parzellen nach dem Mauerfall verlassen hatten wie Brigadiers ihre Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, um neue Gärten im siegreichen Kapitalismus aufzubauen. Das Unkraut, das sie nun rupfen, ist liberaler Herkunft. Nieder mit allen Zweiflern an der amerikanischen Administration! Schon intellektuelle Stille, dieses seltene Paradoxon, ist ihnen strafbar: "Die deutschen Intellektuellen schweigen zumeist, weil sie ahnen, dass es diesmal nicht um materielle ... Interessen (der Amerikaner) geht, sondern um die Bedrohung universaler Menschenrechte" (Jens Dehning in der Welt). Soll heißen: Antiamerikaner sind auch schweigende Angsthasen. Was können sie auch sonst tun, wenn sie wie alle guten Deutschen in diesen schweren Zeiten die Zähne zusammenbeißen sollen?

Noch schwereres Geschütz fährt Hannes Stein im selben Blatt auf: "Der Antisemitismus ist der Schatten, der den Antiamerikanismus schon immer begleitet hat." Das wird notorische Kritiker Washingtons wie Philip Roth überraschen. Doch wer jetzt noch Fragen stellt, dem droht, mit Reinhard Mohr, "der Zusammenbruch der Vernunft, unter Europas Intellektuellen" (Tagesspiegel). Darf es nicht für ein paar Dollar weniger sein?

Henryk Broder schließlich, begnadeter Spezialist für hoffnungslose Seelenlagen, gibt eine Zukunftsdiagnose: Die Deutschen "werden sich am Ende mit den Tätern arrangieren, indem sie sich mit den Amerikanern entsolidarisieren". Und wehe den Deutschen, sie täten's nicht?

Good God, sagt hier der normale Amerikanist, seid doch nicht so German. Die amerikanische Verfassung garantiert freedom of speech. Nicht nur die Zweifler, auch die Narren haben ein Recht auf ihre Meinungsparzelle. Und nicht jeder Zweifel ist eine unamerican activity. Selbst Günter Gaus darf in seinem schrebergarden namens Freitag gegen Amerika rasen, zumal er, wie er schreibt, auf dieser anderen Insel (neben Sylt) schon zwölf Monate lang Urlaub gemacht hat. Relax.