Eine neue Spezies bevölkert unser Land. Ihr Hauptmerkmal ist ihre erkennungsdienstliche Unbehandelbarkeit. Nicht nur darin scheint sie uns zu gleichen. Sie lebt wie wir, liebt wie wir, verlobt sich wie wir, studiert wie wir. Allenfalls ihre Examina fallen besser aus als die unseren. Ab und zu entwickelt sie zwar eine gewisse modische Extravaganz, die sich vermittelst teewärmerähnlicher Kopfbedeckungen und langer Gewänder äußert, doch dafür hilft sie bei der Beseitigung des Hausmülls umso tatkräftiger. Kurz - es sind Menschen wie Sie und ich und doch das vollkommene Gegenteil. Während wir all diese normalen Dinge unseres bürgerlichen Alltags in - zumindest vermeintlich - wachem Zustand absolvieren, ist es bei dieser Spezies nicht so. Sie nämlich schläft. Allerdings nicht den uns vergönnten Schlaf der Gerechten, sondern den heimtückischen Schlaf der Verstellung - wochenlang, monatelang, jahrelang.

Auf einen geheimen, für uns unerkennbaren Befehl erwacht die Kreatur aber plötzlich zu ihrem eigentlichen, lange, lange zuvor antrainierten Leben und verwandelt sich zu ihrem wahren Selbst - zum Terroristen. Und wir begreifen wie immer viel zu spät, dass wir längst auf unsere zu Recht besorgten Politiker hätten hören und allen Menschen, die sich Teewärmer aufsetzen und für ihre Hautfarbe viel zu gut Deutsch sprechen, mit gesundem Misstrauen begegnen sollen. Sie alle nämlich könnten dieser gefährlichen Spezies angehören, könnten "Schläfer" sein. Wie also dieser neuen Gefahr begegnen, wie sie trotz allem erkennen?

Wie sonst fast nie hilft hier die Geschichte. Der Schläfer nämlich entstammt dem Mythenarsenal unserer Vorfahren. Sein mythischer Urahn ist eine Angstprojektion des 12. Jahrhunderts, ausgelöst durch die Religionsfeindschaft zwischen Christen und Muslimen, die der jeweils anderen Seite jedwede Teilhabe an der menschlichen Natur absprach. Christliche und islamische "Gotteskinder" sahen einander als "Teufelsbrut", als Feind schlechthin. Die radikalste Form der Entmenschung bot sich der christlichen Wahrnehmung in der "Sekte" der Assassinen. Sie galten als allen Maßstäben entrückte Meuchelmörder, denen die Kombination von Mord und Selbstmord die höchste Erfüllung darzustellen schien. Sie waren unerkennbar, unfassbar. Ein geheimnisvoller ferner Herrscher, der "Alte vom Berge", besaß alle Macht über sie, denn als "Schläfer", betäubt von Opiaten (Assassini = Haschischesser = Mörder), träumten sie sich ein Leben voller körperlicher Lust und sexueller Freuden. Bis der "Alte" sie weckte und zu Mord und Selbstmord ausschickte - gegen die Feinde seines Glaubens oder seiner Finanzen. Erst die Kombination von Mord und Selbstmord versprach seinen Werkzeugen, den Assassinen und Schläfern, die Verwirklichung des Traumes von unbegrenzten Freuden im Paradies.

Tatsächlich aber entrückte das Stereotyp des zu mörderisch-selbstmörderischem Leben erwachenden Schläfers, das die christlichen Kreuzzugsphobien bis in die asiatischen Fantasien Marco Polos entwickelten, den "Feind" ein für alle Mal der menschlichen Gemeinschaft. Hier halfen kein Wunder und keine Predigt. Die Magie des Schlafes gehörte dem Todesreich an. Aber Stereotype sind bekanntlich übertragbar, und so war es schon im 13. Jahrhundert ein christlicher "Feind", der über Schläfer gebot: Friedrich II. von Hohenstaufen. Als Gegner der Kurie schien er zu allem fähig und damit auch zum Kommando über eine mörderisch-selbstmörderische Schläferarmee als perfektes Instrument seiner Feindschaft gegen den Glauben. Der Mythos des magischen, zu plötzlichem Erwachen und gewaltsamer oder auch gewaltiger Tat stimulierten Schlafes übertrug sich zum Ausgleich auf den Kaiser selbst. Er verbannte ihn in den Kyffhäuser und hieß ihn angstvoll wartend schlafen. Erst das nationalromantische 19. Jahrhundert verwandelte diesen Angst- und Hoffnungstraum in das Nationalkitschmärchen von Kaiser Rotbart.

Und dennoch bleibt es der Romantik vorbehalten, den Schläfer als den Anderen, den Feind an sich, wiederzuentdecken. 1819 erschien Polidoris The Vampire im New Monthly Magazine. Goethe erkannte es als das beste unter Byrons Werken.

Nun war kein Halten mehr. Überall öffneten sich Gräber und entließen "Schläfer" zu ihrem wahren Leben: Mord mit "blutig lächelndem Mund des Schlafes", wie Mérimée ihn in seinem Vampire von 1825 serienweise begehen lässt. Schlaf, Mord und Tod des Mordenden kreieren mit dem Vampir den ungreifbaren Menschenfeind, den nur das Kreuz - eine letzte parasitäre Assoziation des Kreuzzuges - für Augenblicke zu bannen vermag. Im Film transponiert sich dieser "Untote" in die Bilderwelt der Moderne, ferngesteuert von den "Mächten der Finsternis". Hier geht es zuallererst um Effekt und Grusel. Aber Murnaus Nosferatu liefert auch das sozialpsychologische Urbild der Angst, das die postwar societies des frühen 20. Jahrhunderts heimsucht: Das "Böse" ist nicht mehr der äußere erkenn- und identifizierbare Feind, sondern der unerkennbare, "unter uns" weilende. Er ist Intransigenz pur, unfähig zur Verhandlung, nicht resozialisierbar. Aber eben auch nicht "der Böse", sondern die pathologische Repräsentation des Bösen.

Dass die "Feinde unter uns" sind, wusste die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft nicht zuletzt auch durch einen ihrer erfolgreichsten Filme. Der untergetauchte, zum "Schläfer" remutierte Nazi nährte daher auch die 68er Fantasien über den Zustand der Gesellschaft. Die berühmte Ohrfeige, die Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger zuteil werden ließ, galt nicht dem Kanzler, sondern dem Schläfer.