Zu den größten Errungenschaften auf der Welt zählt mit Sicherheit der Zimmerservice. Genussreicher - oder rundweg dekadenter - als in der Atmosphäre eines Hotelzimmers kann ein Essen kaum sein. Höchste kulinarische Raffinesse hat der Zimmerservice zwar nicht unbedingt zu bieten, weil beim Transport von der Küche bis zum Zimmer immer was kalt wird, und der füllige Michelin-Tester würde einem durchschnittlichen Frühstückstablett vermutlich auch keinen Stern zuerkennen. Aber das ist schließlich nicht der Punkt. Zum ekstatischen Erlebnis wird der Zimmerservice nicht durch die Qualität des Essens, sondern durch die luxuriöse Art und Weise, in der es genossen wird: von feinem Leinen umhüllt, neben einer schönen Frau (während man ihre Zehen zärtlich kitzelt und ihr dabei etwas heiße Schokolade nachschenkt), während man in der Vogue blättert, Shopping und einen Ausstellungsbesuch plant, oder während man sich in einem wohligen Schaumbad aalt und die Geliebte einen Teller Trauben auf den Knien balanciert.

Der Zimmerservice macht es möglich, unsere elementarsten physischen Bedürfnisse in einem einzigen Zimmer oder im Bett zu befriedigen: Das Essen beschränkt sich nicht mehr auf die puritanischen Möglichkeiten einer Küche oder eines Esszimmers, sondern die Mahlzeit wird zur natürlichen Ergänzung der Liebkosungen der Nacht. Die Croissantkrümel dürfen sich mit dem Duft der Bettwäsche mischen, spielerisch kann man von der Papaya zur Nackenlinie der Geliebten übergehen, den charakteristisch salzigen, leicht jogurtartigen Geschmack mit der Zunge lecken.

Sobald der Kellner weg ist (samt seinem wissenden Gehabe: Einen guten Appetit, Monsieur, Madame ...), sind wir von allen Verboten und Tabus befreit und allein mit unserem Tablett - und unseren Fantasien. Warum nicht die Cornflakes nackt essen? Warum sich nicht ein Lammkotelett greifen und ausgelassen auf dem Bett herumhüpfen? Wir können den Nachtisch zuerst und den ersten Gang zuletzt verspeisen. Nach Lust und Laune können wir überall Ketchup und Mayonnaise drauftun. Warum schütten wir uns nicht gegenseitig Schokosoße auf den Bauch? Schließlich haben wir eine Dusche nebenan und brauchen uns um die Bettwäsche nicht zu kümmern. Wir können alle sechs Portionskonfitüren auf einmal öffnen (Wie schmeckt eigentlich Stachelbeere?), wir können ein Stückchen Blätterteig probieren, drei Bissen vom Croissant und eine Scheibe Pumpernickel - ein schizoides Frühstück, das zu Hause unmöglich oder schlicht zu aufwändig wäre. Und wenn alles zu viel wird, kuscheln wir uns einfach zurück ins Bett, schlummern Arm in Arm ein und wachen zum nächsten Stück Kuchen wieder auf.

Der Zimmerservice vereint die Vorteile eines Restaurants mit den Freuden unseres eigenen Schlafzimmers. Wie im Restaurant bleibt uns die mühselige Zubereitung der Nahrung erspart, das Essen kommt von Zauberhand, ohne dass wir an all die Arbeit denken müssen, die das Ganze gemacht hat. Gleichzeitig haben wir die Freiheit, die ein privater Raum schenkt - ohne die Blicke anderer Gäste, die schockiert sein könnten, wenn wir unserer Begleiterin Schokosoße auf den nackten Nabel schütten.

So ist es also ratsam, die unters Telefon gesteckte Menükarte zu beachten und die Frühstückskarte zum Ankreuzen, die an der Tür hängt - sie verheißen den siebten Himmel!

Übersetzung: Regine Reimers

Alain de Botton wurde 1969 in Zürich geboren und lebt in London. Er hat vier Bücher veröffentlicht, die in 16 Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschien der Titel Wir Proust Ihr Leben verändern kann (S. Fischer Verlag, Frankfurt/ Main)*