Wem in diesen Tagen überhaupt der Sinn nach Musik steht - welche soll man hören? Vielleicht diese: Musik am Rande des Nichts, arm an Melodien, frei von Harmonien. Statt positivistischer Bässe ein schabendes, sich wiederholendes Knistern und Knacken. Geräusche, die an ein Früher erinnern, da alle Technik noch in den Anfängen steckte, da der Mensch noch nicht so hoch fliegen und noch nicht so jäh aus allen Wolken fallen konnte. Sechzig verrauschte CD-Minuten, in denen ein Geiger und ein Grammofon leise Zwiesprache halten.

Der 1959 in London geborene, in Berlin lebende Aleksander Kolkowski hat dieses Porträt in Schellack gezeichnet (ASC CS CD40, Vertrieb: FMP, Tel.

030-323 7526).

Seine Instrumente sind keine gewöhnlichen Geigen, sondern ein transsylvanisches Violinofón, ungarisch Highéghe, oder dessen Vorgängerin, die Stroh-Violine. Erfunden wurde jene von John Matthias Augustus Stroh (1828 bis 1914), der 1899 dafür ein Patent erteilt bekam. Herkömmliche Violinen waren für mechanische Tonaufnahmen mithilfe von Trichtern, Membranen und Wachsrollen wenig geeignet. Sie gaben ihren Klang in alle Richtungen des Raumes ab, der Schalldruck an der Nadel reichte kaum, den Tonträger zu ritzen.

Stroh sann auf Verbesserung und ersetzte den Resonanzkörper durch einen zielgerichtet abstrahlenden Trichter. Nun sah die Violine aus wie ein Grammofon mit Saiten, auf der Schulter mit dem Bogen zu streichen. Im CD-Booklet sind diese eigentümlichen, in Vergessenheit geratenen Instrumente abgebildet. Ausführlich wird ihre Geschichte erzählt.

Kolkowski schwelgt nicht in Nostalgie

ihn interessiert das Unzulängliche der Schellackplatten. Auf sein Kurbelgrammofon legt er weder Caruso noch die Comedian Harmonists - auch sonst keine alten Weisen, die zu erkennen wären.