Zum Beispiel Mourad. An der Technischen Hochschule Hamburg-Harburg studiert er Elektrotechnik. Er ist ehrgeizig und tüchtig. Ihn treibt ein ungeheurer Wissensdurst. Oder Deniz. Er studiert in Harburg Flugzeugbau und hält nicht viel davon, sich blind der Tradition der Väter zu unterwerfen.

Seinen Islam pflegt er "modern" und eigenwillig auszulegen. Oder Kenan. Auch er ist fleißig, selbstbewusst und elitär. Er macht im Fernstudium eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann und will in der Hansestadt ein Transport- und Versicherungsunternehmen gründen. Zudem ist er ein guter Kumpel und geselliger Mensch. Seine religiösen Prinzipien weiß er vor den deutschen Freunden gut zu verstecken.

In der Gruppe und bei den abendlichen Spritztouren in die Disco spielt er die Rolle des Chauffeurs. Seine berufliche Karriere finanziert er sowieso im Augenblick mit Kurierfahrten. Und so fällt es nicht auf, wenn er vom Alkohol die Finger lässt.

Mittlerweile kennt man solche Biografien, wie sie in Nikola Tietzes Islamische Identitäten stehen, und auch die Orte. Sie gehören den Tätern, die bis jetzt nur dringend Tatverdächtige sind. Nachbarn, Freunde, Professoren und die Kommilitonen von der Examensgruppe bestreiten Interviewtermine und Pressekonferenzen am laufenden Band. Alle sind geschockt und hätten "so etwas" nicht erwartet. Nikola Tietze vom Hamburger Institut für Sozialforschung hat den Identitäten junger Muslime in Hamburg, Straßburg und Paris nachgespürt. Die Untersuchung war ihre Doktorarbeit. Die Verbindungslinie zu dem aktuellen Weltgeschehen war nicht vorhersehbar.

Plötzlich fällt der Blick der Öffentlichkeit auf die Jungen. Warum hat man sie bislang so verkannt?

Das hölzerne akademische Ritual verlangt es, "den Forschungsstand" aufzuarbeiten, und dies hat Tietze im vorliegenden Fall gut und kritisch getan. Tietzes mit verhaltenem Unmut geschriebener Überblick zeigt eine Wissenschaft, verstrickt in einen großen kultur- und verelendungstheoretischen Diskurs. Muslime erscheinen in ihm als ein Heer von kulturell und materiell Zurückgebliebenen, von Modernitätsverweigerern und Traditionalisten. Mehr sieht "man" nicht.

Dagegen steht zu vermuten, dass das vermeintlich Rückständige nur eine Facette der Moderne und moderner Identität darstellt. Werner Schiffauer hat diese Ambivalenz in seiner brillanten und richtungsweisenden Studie über die fundamentalistische Kaplan-Sekte herausgearbeitet (siehe nebenstehende Rezension).