Über diese oft erlebte Phase dachten Michael und ich lange nach. Da wir noch und noch eins tranken, da wir den Tag vollgeredet und eine Berliner Nacht angehängt hatten, war absehbar, dass wir diesen herrlichen Zustand am nächsten Morgen oder Mittag erreichen würden.

Wir einigten uns auf den Begriff Schwebezustand, schwärmten von der Erotik dieses Zustands, die jeweils fühlbar ist in dem Moment, in dem man beginnt, sich zehn bis zwölf oder vierzehn Stunden nach einem Suff besser zu fühlen. Man hört das Blut im Schädel pochen, ist aber schon in der Lage, ein wenig orientierungslos zwischen Kühlschrank, Gießkanne, CD-Player und dem Häufchen ungeöffneter Briefe hin und her zu wandeln. Meist hat der Magen noch nicht entschieden, sich gut zu fühlen, doch trotz Bierblues oder leichter Grappa-Depression reicht das Befinden für ein paar Glücksgefühle. Die Vergiftung wirkt noch nach. Ein paar Methanole aus dem Champagner, Amine aus dem Weißwein, Histamine und Tyramine aus dem Rotwein sind noch nicht ganz abgearbeitet. Aber die Gedanken gewinnen an Schärfe, ohne dass man von ihnen zu viel verlangen kann und will.

Dieser Schwebezustand hat etwas sehr Schönes. Beinahe hätten wir uns am Kneipentisch umarmt, aus Freude darüber, dass beide genau wissen, wovon die Rede ist, weil wir ihn beide in unserem Genießerleben schon ein paar Mal erlebt haben - und vermutlich auch in ein wenigen Stunden Ähnliches zu Durchleben haben würden.

Aber noch war es ja nicht so weit. Noch waren wir am Reden und Trinken, und die Gedanken begannen sich um einen anderen Aggregatzustand des Bewusstseins zu drehen. Auch das ein großartiger Moment: jener Augenblick noch während des Trinkens, in dem man spürt, wie einem die Fäden aus den Fingern gleiten. Der Anfang des Kontrollverlusts. Die Sätze sind seit einer Stunde etwas cremig, weil die Zunge nicht mehr jedem Befehl aus dem Sprachzentrum gehorcht. Aber das Glücksgefühl ist da und natürlich der unbedingte Wille weiterzufeiern. Und so sprachen wir in jener Berliner Nacht, als sich das Morgengrauen schon in die Kneipe zwängte, auch über die Erotik des Kontrollverlusts.

Dann erhob sich Michael. Er verschwand zur Toilette.

Michael kam nicht zurück. Erst nach einer Viertelstunde, in Begleitung eines Eisbeutels, der die Beule am Kopf kühlte. Es blutete leicht. Michael hatte es tatsächlich umgehend geschafft: Kontrollverlust auf der Treppe. Wir lachten uns krank. Ich und auch das Opfer des Kontrollverlusts. Darauf ein letztes.

Ihr Urs Willmann