Ich gehe also auf diese Polizisten zu, bereit meine Koffer zu öffnen, die Taschen zu leeren, alles zu tun, was sie von mir verlangen. Was ich früher als polizeiliche Willkür eingestuft hätte, erscheint mir heute als gerechtfertigte Sicherheitsmassnahme. Eine behördliche Schikane ist keine Schikane mehr - sondern ein höchst willkommener Schutz. Auch das haben die Terroristen erreicht.

Ich komme gar nicht dazu, meine Koffer auf den Boden zu stellen, schon lächeln die Polizisten im Gleichtakt: "No problem, sir!" Ich zögere. Sie wiederholen in freundlichem Ton: "No, problem! No problem!" und winken mich durch. Noch bevor ich auf den Platz treten kann, springt mir ein Taxifahrer vor die Füße: "Taxi?", Taxi?!" Nachdem ich auf der Suche nach einem Zimmer bin, frage ich den Mann: "Wissen sie ein Hotelzimmer in Islamabad?" Er lächelt breit und sagt: "No problem!" Inzwischen hat sich eine Traube Menschen um uns gebildet und die Taxi!-Taxi!-Rufe werden immer lauter, so dass ich mich entscheide, nicht lange nachzufragen sondern zu flüchten. Abbas heißt der gute Mann. Er trägt mein Gepäck zum Wagen und öffnet den Kofferraum. Drinnen befindet sich eine große Gasflasche, die mehr als zwei Drittel des Stauraumes füllt.
"Aber da passt ja nicht rein?!", sage ich.
"No, problem!" antwortet Abbas, wirft mit einer kräftigen Bewegung eines meiner drei Gepäckstücke zwischen Gasflasche und Autoblech.
"Vorsicht, bitte!", sage ich noch.
"No, problem!", sagt Abbas und drückt die Tasche mit beiden Händen so lange bis sie endlich Platz findet. Etwas verformt zwar, aber sie passt. Der Rest kommt auf die Hinterbank des Wagens, wobei noch zu bemerken ist, dass das Gefährt insgesamt klein ist, Abbas noch einen Koffer dort liegen hat, so dass mein eigener zwischen den beiden Sitzen und gefährlich nahe dem Ganghebel zu liegen kommt. Ich schaue etwas überrascht auf den Koffer, der nach meinen Schätzungen die Schaltung in den vierten Gang behindern könnte. Abbas bemerkt das: "No Problem!" Und jetzt geht's los, von Rawalpindi nach Islamabad.

Die Fahrt geht zügig voran, auch den vierten Gang kann Abbas tatsächlich benutzen, mit etwas Mühe, aber es geht. Ich schweige und denke an Weltpolitik, "clash of civilzations" und wovon sonst noch die Rede ist in diesen Tagen und Wochen nach den Anschlägen in den USA. Abbas weicht derweil wackelnden Eselskarren aus, schlingernden Motorrädern, flinken Fußgängern, Lastwagen, die sich bedrohlich zur Seite neigen. Er ist zweifellos ein guter Fahrer.

"Hier finden sie ein Zimmer!" Ich sehe wie die weiße Fassade des Hotels Marriott auftaucht.
"Aber das ist ausgebucht!"
"Sie finden sicher ein Zimmer!"
"Aber ich habe doch angerufen!"
"No problem!"
Ich denke, dass Abbas als Einheimischer, noch dazu als Taxifahrer, mehr weiß als ich und lass mich vor dem Eingang absetzen. Ein Uniformierter begrüßt mich mit vollendetem militärischen Gruß. Es geht durch eine Sicherheitsschleuse. In der Lobby brummen die Weltmedien. Noch bevor ich an die Rezeption komme, begegne ich mindestens drei Gesichtern, die ich aus dem Fernseher kenne. Es gibt, wie erwartet, kein Zimmer.
"Morgen vielleicht?"
"No problem!", sagt der Hotelbedienstete. Ich lasse mich auf eine Warteliste setzen und gehe hinaus zu Abbas. Er schüttelt den Kopf als ich ihm die Nachricht überbringe. Er denkt nach und sagt dann: "Ich weiß einen besseren Platz!"
"Sicher?""
"No Problem!" Schon braust er los. Ich habe mich völlig in seine Hand begeben, da ich keinen klaren Gedanken fassen kann, aus Müdigkeit vielleicht, oder einfach nur, weil mich die Bilder des Terrors beschweren und die Berichte aus Pakistan verwirren, die Geschichten von religiösen Eiferern, entschlossenen Militärs, verfeindeten Stämme und korrupten Politikern.

Abbas bremst nach rund zehn Minuten Fahrt abrupt vor einem Haus ab, das hinter einem hohen Zaun verborgen liegt. Eine Gästehaus in einem offensichtlich besseren Viertel. Diesmal kommt Abbas mit. Er bemüht sich sehr. Als der Portier verneint, redet er auf ihn ein, ganz in der Überzeugung, dass es hier noch einen Raum geben müsse. Auf den Hinterhof hinaus vielleicht? Oder irgendwo sonst in der weiträumigen Villa? Nichts. Abbas scheint gar nicht geknickt zu sein als wir zurück zum Wagen gehen. "Ich weiß einen anderen Platz. No problem!", sagt er. Wie er sich so schwungvoll hinter das Lenkrad schwingt und entschlossen aus dem Parkplatz des Gästehauses fährt, treffe ich den Entschluss, mich ihm weiter anzuvertrauen, seine Energie gewissermaßen für mich zu nutzen, da ich mich selbst niedergeschlagen und zu keiner Eigeninitiative fähig fühle.

Was in den folgenden beiden Stunden geschieht, kann ich dem Leser ersparen, weil es nur eine Wiederholung desselben ist. Gästehäuser aller Art, protzige, gepflegte, schäbige - aber kein Durchbruch. "No problem!", sagt Abbas immerzu, auch nachdem wir das letzte ihm bekannte Haus ohne Erfolg verlassen hatten.

Abbas ist jetzt ratlos. Da er mir das nicht anmerken lassen will, veranstaltet er eine kleine Sightseeing-Tour durch die Hauptstadt Pakistans. "Hier links das Parlament!" Ein weitläufiges, weißes Gebäude, das hinter hohen Gitterzäunen liegt. "Und hier das höchste Gericht!" Eine breite, weiße Treppe, die hochführt zu einem mächtigen Eingang. "Und hier der Sitz des Präsidenten!" Diese Anlage ist nicht weniger ausladend und darauf bedacht, den Bürger zu beeindrucken, aber sie wirkt verspielter, weniger streng als Parlaments- und Gerichtsgebäude. Ein eigenartiger Kontrast, denn der Präsident ist ein General. Pervez Musharraf, der sich 1998 selbst an die Macht geputscht hat, ein energiegeladener Mann, ein großer Führer, wie viele behaupten. "Aber der wohnt nicht hier!", sagt Abbas und dreht noch einmal eine Runde, damit ich mir das Schauspiel dieser eingezäunten, menschenleeren Symbole Pakistans betrachten kann.