Es ist also zwingend, die Gründe für das Unwohlsein herauszufinden. Die bewährte Methode ist jene der Exklusion. Der Reihe nach gehe ich noch einmal alles durch: Dinge, Menschen, Erlebnisse. Ich mache das kurz vor dem Einschlafen, mit geschlossenen Augen. Das gibt mir das Gefühl, produktiv mit Bedrückung umzugehen, die gerade zu diesem Zeitpunkt besonders schwer wiegt. Ich kann natürlich nicht jedes Erlebnis des Tages memorieren. Daher wiege ich den Kopf langsam hin und her wie einen Sieb; was hängen bleibt, ist der näheren Betrachtung wert.

Omar ist vom Tag übriggeblieben. Der junge, kräftige Mann, der mir zur Hand geht, wenn ich mich in dem pakistanischen Gewirr verheddert habe. Er ist so etwas wie ein Pfadfinder in einem fremden Land.
Ich hatte Omar in mein Zimmer eingeladen. Er trinkt hin und wieder gerne ein Bier. Öffentlich kann er das nicht tun, denn Pakistan ist eine islamische Republik. Es gibt keinen Alkoholausschank.

Omar saß auf dem kleinen Sofa neben mir und nippte an seinem Glas. Das Gespräch plätscherte dahin. Es ging um Belangloses. Wie das eben ist, wenn man sich nicht besonders gut kennt.
Plötzlich sagte Omar: "Weißt Du, ich habe noch nie in meinem Leben eine Frau berührt!"
Er hatte mich auf dem falschen Fuß erwischt und ich konnte nur ein leises, verlegenes "Ach!" über die Lippen bringen. Danach war Schweigen. Omar nahm einen weiteren Schluck Bier. Ich hatte das Gefühl, ich müsste etwas sagen. Auch wenn es das intime Bekenntnis eines Fremden war, durfte es nicht unbeantwortet bleiben.
"Wie alt bist du Omar?"
"29 Jahre alt!"
Wieder konnte ich nur "Ach!" sagen. Wieder folgte Schweigen. Ich wusste nicht, was er erwartete oder worauf er hinaus wollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er das einfach so gesagt hatte wie zum Beispiel: "Ich war noch nie im Ausland!" oder "Ich habe keinen Führerschein!". Irgendetwas wollte er doch von mir hören. Druck staute sich in mir an, vom Bauch kroch er hoch und schnürte an meiner Kehle.

"Das ist schade! Sehr schade!" Das war natürlich ein dummer Satz. Omar schwieg weiter.
"Bist du denn nicht verheiratet. Ich dachte hier heiratet man doch sehr jung?"
"Nein ich bin nicht verheiratet!" Er trank einen Schluck Bier und starrte vor sich hin.
"Schade, schade", sagte ich und dann: "Aber du würdest gerne eine Frau berühren?"
"Aber natürlich. Manchmal kann ich an gar nichts anderes denken!"
"Aber es ist hier schwierig, nicht wahr?"
"Unmöglich! Nahezu unmöglich!"
Ich wollte nicht ins Detail gehen, wie und wo Omar mit Frauen in Kontakt kommen könnte. Das ging mich nichts an. Außerdem wollte ich über dieses Thema eigentlich nicht sprechen. Ich war doch hier, um über die Stränge der Weltpolitik zu schreiben, die sich Pakistan im Augenblick auf fatale Weise kreuzen. Was sollte ich über Omars Schwierigkeiten mit dem anderen Geschlecht nachdenken? Das eine brachte ich mit dem anderen nicht zusammen.

Omar schwieg beharrlich. Ich schaute auf sein Glas. Es war fast leer getrunken. Es gab also Hoffnung, dass ich ihn bald verabschieden konnte. Ein unfreundlicher Gedanke, aber hätte ich ihn ausfragen sollen, warum er noch nie eine Frau berührt hatte? Sollte ich ihm etwa erzählen wie es sich in Europa mit dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern verhält?

Das Glas war leer. Ich schützte Arbeit vor und begleitet Omar zur Tür. Wir verabredeten uns für den folgenden Tag. Als er gegangen war setzte ich mich auf das Sofa. Draußen senkte sich die Nacht auf die Stadt. Ich hörte wie der Wachmann das Eingangstor öffnete und wieder schloss. Es quietschte erbärmlich. Dann war Stille.

In meinem Zimmer breitete sich etwas aus. Ich konnte es nicht sehen, aber es war wie unsichtbare eine Wolke, wie Dampf, der auch die letzten Winkel des Raumes erreicht und alle Konturen verwischt. "Ich habe noch nie eine Frau berührt!", mit diesem Satz hatte Omar einen Stöpsel aus sich selbst gezogen. Unerfüllte Sehnsucht war aus ihm gewichen. Er hatte sie mir zurückgelassen wie einen schlechten Geschmack.