Für einen kostbaren historischen Moment schien es, als sei das Entsetzen über die Terroranschläge von New York und Washington allgemein, und nur ein paar verwirrte Palästinenser würden die Fähnchen der Genugtuung schwenken (denn Unglück und Hass machen dumm). Die islamische Welt, jedenfalls eine überwältigende Mehrheit ihrer Politiker und Intellektuellen, verurteilte die Attentate nicht weniger streng als der Westen; auch weil sie einsah, dass ihre politische Lage hoffnungslos würde, wenn sich die Identifikation des Terrors mit ihrer Kultur festsetzte. Dieser kostbare Moment ist jetzt vorüber. Schon mehren sich die Stimmen, die rundheraus erklären, die Amerikaner seien selbst an ihrem Unglück schuld. Diese Stimmen kommen nicht zuvörderst aus dem Islam, sie kommen von überall aus der Dritten Welt; in Lateinamerika verbreitet sich die höhnische Lesart, die Vereinigten Staaten bekämen jetzt die gerechte Strafe für ihre verbrecherische Unterstützung diktatorischer Regime in den sechziger, siebziger Jahren.

Den wildesten Angriff veröffentlichte die indische Schriftstellerin Arundhati Roy in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Osama bin Laden sei der "dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet wurde, durch ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte Politik der unumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Missachtung aller nichtamerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen, ihre Unterstützung für despotische und diktatorische Regimes, ihre wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Länder gefressen haben. Ihre marodierenden Multis, die sich die Luft aneignen, die wir einatmen, die Erde, auf der wir stehen, das Wasser, das wir trinken, unsere Gedanken."

Was soll das heißen? Haben die Menschen, die im World Trade Center starben, irgendetwas mit den Wirkungen amerikanischer Hegemonie zu tun? Welche Logik erlaubt es, beliebige Amerikaner für die Politik beliebiger Regierungen ihres Landes mit dem Tode zu bestrafen? Und welche Logik, umgekehrt, erlaubt es den Intellektuellen beliebiger Staaten der Dritten Welt, sich mit den (übrigens bloß unterstellten) Motiven eines beliebigen Terroristen zu identifizieren? Was überhaupt erlaubt es, den Terror, die Opferung beliebiger Menschen symbolisch zu lesen und diese symbolische Lesart zur Erklärung, wenn nicht Rechtfertigung heranzuziehen? Die Vernunft, die der Schock über die Attentate im ersten Moment freisetzte, ist offenbar einem paranoiden Beziehungswahn gewichen, der das Elend der Dritten Welt mit den Motiven der Terroristen gleichsetzt und Amerika mit den Ursachen dieses Elends identifiziert, was wiederum gestattet, in einem mörderischen Kurzschluss noch den letzten Amerikaner für etwas verantwortlich zu machen und zu töten, das er selbst vielleicht streng missbilligt hat.

Der Irrsinn lugt der Konstruktion aus allen Ritzen; unter anderem ist keineswegs erwiesen, wie weit die Erste Welt am Elend der Dritten überhaupt beteiligt ist und wie hoch der Anteil von deren eigenen korrupten Eliten zu veranschlagen ist. Aber was das Bedenklichste ist und uns vor allem beschäftigen muss, ist die Kollektivschuldthese, die hier über den Westen gebracht wird. Was wissen wir, woran jeder Einzelne im World Trade Center gearbeitet hat? Kann auch jemand, der sich für die Ärmsten der Armen einsetzte, den Tod verdienen, nur weil er einer Nation angehört, die als schuldig oder mitschuldig an der Armut gilt? Eine solche Rechnung, die von jeder individuellen Verantwortung absieht, ließe sich leicht durch eine Gegenrechnung des Westens beantworten. Auch der Westen könnte jeden Muslim, der sich nicht unverzüglich distanziert, für die Untaten Osama bin Ladens haftbar machen und, mehr noch, jedes Land und jede Gesellschaft, die nicht den liberalen Prinzipien der westlichen Lebensform anhängen, zu Feinden erklären.

Rückkehr der Kollektivschuld

Und das ist leider schon geschehen. Leider hat Amerika im ersten Schock, als alle sich noch solidarisierten, schon erklärt, es handele sich nicht um einen Anschlag auf die New Yorker Doppeltürme, auch nicht auf Amerika allein, sondern um einen Anschlag auf die gesamte freie Welt. Alle, die sich dem liberalen Westen zugehörig fühlten, sollten (und wollten sich übrigens auch) mitbombardiert fühlen. Das war natürlich zunächst nur eine rhetorische Pathosformel; aber die Identifikation von Menschenleben mit Prinzipien war damit in der Welt, und fortan ging es nicht mehr um Täter und Opfer, sondern um einen Kampf zwischen Liberalismus und Fundamentalismus. So wie Arundhati Roy nahe legt, dass Osama bin Laden stellvertretend noch für das letzte Opfer der Dritten Welt gebombt hat, so haben die Vereinigten Staaten nahe gelegt, dass jeder, der sich jetzt nicht an ihre Seite stellt, mit den Tätern identifiziert werden kann.

Unglück und Hass machen dumm. Auch der Westen ist nicht vor paranoiden Konstruktionen gefeit, in denen sich das Freund-Feind-Schema der Fundamentalisten wiederholt. Das macht Arundhati Roys Beispiel so aufschlussreich: als Spiegelbild einer fatalen Haltung, die auch im Westen um sich greifen könnte. Alle Intellektuellen, die sich (besonders eindrucksvoll in Amerika) um Differenzierung bemühten, haben die Bedrohung schon erfahren. Wer in den letzten Tagen die amerikanische Politik kritisierte, wurde als Feind der liberalen Welt betrachtet; und wer umgekehrt den Liberalismus oder auch nur den freien Weltmarkt für die Entstehung des Fundamentalismus heranzog, wurde als Antiamerikanist und Verräter an den Opfern von New York gebrandmarkt. Manche gingen so weit, Antiamerikanismus mit Antisemitismus gleichzusetzen; das Freund-Feind-Schema verführte offenbar dazu, von Kritik an Amerika auf Freundschaft für die Araber zu schließen, von Freundschaft für die Araber aber auf Feindschaft gegen Israel, wenn nicht gegen Juden überhaupt.