Tut alles, damit sich so etwas nie wiederholt", bittet Emile Marcus, der Erzbischof von Toulouse, die Trauernden, die zum ökumenischen Gottesdienst in der Kathedrale Saint-Etienne versammelt sind. Kinder in weißen Roben haben im Chor des Gotteshauses Kerzen aufgestellt: 29 Kerzen für die 29 Opfer jener gigantischen Explosion, die am 21. September ein Industriegebiet und Teile der Quartiere im Südwesten von Toulouse verwüstet hat. Die Gesichter vieler Angehörigen sind von Beulen und Schnittwunden schwer gezeichnet. Im Schiff der Kathedrale drängen sich Hunderte, draußen verfolgen Tausende Toulouser die Abschiedszeremonie. Auch Staatspräsident Jacques Chirac, Premierminister Lionel Jospin, zahlreiche Minister und Prominente der politischen Opposition sind gekommen. Sie alle haben die Verwüstung und das menschliche Elend gesehen. Da klingt die erzbischöfliche Mahnung nur nüchtern und logisch.

Dennoch hat ganz Frankreich damit nun ein Problem. Denn es stellt sich die Frage, ob man risikoträchtige Chemielager und -fabriken aus Ballungsgebieten nicht in ländliche Regionen verlagern soll. Solch potenzielle Gefahrenherde gibt es hundertfach, nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und anderswo in der industrialisierten Welt. Im Licht des globalisierten Terrors wirkt manches Risiko, das fast schon akzeptiert war, plötzlich höchst bedrohlich.

War es ein Unfall? Oder doch ein Attentat, wie inzwischen heftig in der französischen Presse spekuliert wird? Bisher weiß niemand genau, wie es zu dem Desaster vom 21. September gekommen ist. Unabhängig von der Ursache fordert Philippe Douste-Blazy, der Bürgermeister von Toulouse: "Das ganze Chemiezentrum muss aus der Stadt verschwinden." Unterstützt wird er dabei von fast allen Parteien im Rat der Stadt und Tausenden wütender Bürger, die die Chemiefirmen mit Strafanzeigen und Schadensersatzklagen überschütten.

Kein Wunder. Denn die Explosion von rund 300 Tonnen des Düngemittels Ammoniumnitrat hat neben 29 Toten mehr als 2300 Verletzte gefordert, etliche von ihnen büßten im Splitterregen ihr Augenlicht ein. Reihenweise gingen Fenster, Türen und Dächer zu Bruch, 5000 Menschen wurden obdachlos. Mehr als zwei Dutzend Schulen und Gymnasien bleiben auf lange Sicht geschlossen, einige sind abbruchreif. Die Université du Mirail, Lehrstätte für 27 000 Studenten, ist weitgehend zerstört, ebenso das Polytechnische Institut und eine psychiatrische Klinik. Das Stadion ist unbenutzbar, in einem großen Depot wurden rund hundert Busse zerstört, etwa ein Viertel des Bestandes. Der Gesamtschaden wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt.

Weltweit erregte das Unglück zunächst wegen der Meldung Aufsehen, der Terror habe im Chemiezentrum der südfranzösischen Stadt ein neues teuflisches Ziel gefunden. Der Verdacht drängte sich auf, denn das Chemiegelände liegt in der Einflugschneise eines Flughafens. Und neben dem explodierten Lager der Düngemittelfabrik Grande Paroisse, einer Tochterfirma des Chemiemultis TotalFinaElf, arbeiten zwei Firmen des französischen Verteidigungsministeriums, die Société Nationale des Poudres et Explosifs, kurz SNPE (Nationale Gesellschaft für Pulver und Explosivstoffe), sowie die Tolochimie, die Treibstoff für die Ariane-Raketen produziert. Insgesamt verdienten rund tausend Menschen in dem Chemiezentrum ihr Brot. Die SNPE soll sogar Substanzen produzieren, die als Kampfstoffe traurige Berühmtheit erlangten: Phosgen und Senfgas. Bürgermeister Douste-Blazy warnt: "Wären die Leitungen gebrochen, wir zählten heute die Toten zu Tausenden."

Zum Glück sind die Rohre unversehrt geblieben, SNPE und Tolochimie wären sogar noch funktionstüchtig, sind jedoch behördlich stillgelegt - zur Prüfung der Risiken. Auch in Bordeaux, Lyon oder Marseille sind die Bürgermeister aufgeschreckt, wollen Chemiebetriebe auslagern oder zumindest deren Sicherheit strenger prüfen. Das französische Umweltministerium schätzt, von den 1250 als riskant eingestuften Anlagen des Landes liege rund ein Drittel nahe Wohngebieten.

Verbindungen nach Deutschland In Deutschland ist die Situation kaum anders. So weist der jüngste Jahresbericht der Zentralen Melde- und Auswertestelle für Störfälle (ZEMA) des Umweltbundesamtes landesweit rund 2000 Anlagen aus, die als besonders riskant gelten und deshalb "erweiterten Pflichten" unterliegen. Deren geografische Verteilung folgt dem Muster: Wo Risiken lauern, da sind Arbeitsplätze, und wo es Arbeit gibt, siedeln viele Menschen. So weisen Flächenstaaten wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen zusammen knapp hundert solcher Anlagen aus - genau so viele wie das reiche Hamburg allein. Und im dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen steht gut ein Drittel aller deutschen Risikoanlagen. Das Berliner Umweltministerium hat für diese Woche Experten der Störfallkommission und des Technischen Ausschusses Anlagensicherheit eingeladen, um über mögliche Konsequenzen aus dem Toulouser Unglück zu beraten.