Zuerst hat es keiner geglaubt, dann waren alle baff vor Staunen und, ja doch, Respekt: Alain Platel, weltweit geschätzter Festivalstar des Avantgarde-Theaters, bricht die Spielregeln des Kulturbetriebs und steigt einfach aus. Und das nicht etwa (wie weiland Greta Garbo) wegen eines Misserfolgs, sondern auf der Höhe des Ruhms, zu einem Zeitpunkt, wo er sich vor Angeboten kaum retten kann und alle sich um ihn reißen. Und aus genau diesem Grund.

"Bisher konnte ich den Rhythmus meines Arbeitens selbst bestimmen", sagt er, "aber in letzter Zeit hat eine Beschleunigung eingesetzt, die nichts mehr mit uns zu tun hat. Schon vor der ersten Probe ist die Aufführung Dutzende Male verkauft, der Druck nimmt zu, die Freiheit ab, die Erwartungen werden immer höher geschraubt. Ich habe nicht mehr das Recht, Fehler zu machen oder mich zu irren. So kann und so will ich nicht arbeiten."

Wer Platel kennt, weiß, dass das keine Koketterie ist, sondern ein Hilfeschrei - er ist kein abgebrühter Global Player wie Wilson oder Lepage: Er meint, was er sagt, und fühlt, was er denkt, und die direkteste Verbindung von Punkt A zu Punkt B ist für ihn immer noch der Umweg. Nun ist er, ganz direkt und ohne Umweg, zum Opfer seines immensen Erfolgs geworden - da kann einer wie er nur abtauchen, bis die Hysterie sich gelegt hat, um dann vielleicht woanders neu zu beginnen.

Was er denn nun mache, wollen alle wissen und überbieten sich mit Gerüchten: eine Oper, einen Film, ein Hotel in Südfrankreich. Stimmt alles nicht, sagt er und: "Je ne sais pas." Platels Ausstieg ist so untypisch fürs Hamsterrad der Hochkultur, wie es sein Einstieg war. Ausgebildeter Orthopädagoge, kam er auf Umwegen und als Autodidakt zum Theater. In seiner Heimatstadt Gent wurde gerade ein Tanzkollektiv gegründet, bei dem jeder, der wollte, sich künstlerisch austoben konnte - Platel tobte mit und erfand den hochgestochen-ironischen Namen der Gruppe Les ballets contemporains de la Belgique (handelsübliche Abkürzung: C de la B).

Seine frühen Arbeiten wie Emma, O boom oder Mussen, Ende der achtziger Jahre entstanden, werden von denen, die sie gesehen haben, als naiv und amateurhaft beschrieben. Aber sie sind prägend für alle Beteiligten. Ohne diese Lehrjahre, so Platel heute, hätte er nie die Kraft und den Mut gehabt, seinen Beruf aufzugeben und sich fürs Theater zu entscheiden. Er hasst Béjart, liebt Pina Bausch und verbringt seine Gesellenjahre, wie es sich gehört, auf Wanderschaft, arbeitet bei in- und ausländischen Kompanien als Assistent oder Choreograf. 1993 kommt er zurück mit einer Aufführung, die ihn und seine Gruppe schlagartig berühmt macht. Es ist die erste von drei Tanztheater-Produktionen, die er für C de la B inszeniert, und trägt den schönen Titel Bonjour Madame, comment allez-vous aujourd'hui, il fait beau, il va sans doute pleuvoir, etcetera - ein Stück für neun Männer und eine Frau, das von Asozialen, Pennern, kaputten Kindern erzählt, von lauter Verlierern in einer Welt der Gewinner. Nicht dass, sondern wie sie gezeigt werden, ist neu: weder anklagend noch denunzierend, ohne den wohlfeilen Kitsch der Betroffenheit und den Zynismus der Jagd nach dem Exotischen vor der eigenen Haustür.

Jede Figur hat die abgewetzte Würde des Authentischen, niemand kann sagen, ob diese Typen nun "echt" sind oder nicht, und niemand kann verstehen, wie sich da, vor unser aller Augen, ein Stück Leben in ein Stück Kunst verwandelt.

Aber dass es das tut, sieht jeder, wenn er/sie nur will - beim Festival von Avignon wollen die meisten es nicht und verlassen reihenweise den Saal (das war vor sechs Jahren - jetzt, wo er weltberühmt ist, wird Platel dort natürlich gefeiert).