Viel ist gegenwärtig die Rede davon, dass die Terrorangriffe in den USA ein Angriff auf unsere "offene Gesellschaft" seien. Eine Grundbedingung für diese offene Gesellschaft ist die Trennung von Religion und Staat. In Europa wurde sie im 16. Jahrhundert in England eingeleitet. Die Erfahrung des Dreißigjährigen Krieges zwischen 1618 und 1648 sowie das Aufkommen der Nationalstaaten trugen erheblich dazu bei, dass dieses Prinzip sich in ganz Europa durchsetzte. Der Orient hat keine vergleichbare Entwicklung durchgemacht. Auch eine Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, personifiziert in Papst und Kaiser, war der islamischen Welt bis in die Neuzeit unbekannt. Religion und Staat waren engstens miteinander verflochten, wenn nicht gar identisch.

Im sunnitischen Islam, der größten islamischen Konfession, war der Kalif zwar der Vertreter Mohammeds auf Erden, jedoch nicht in dessen Funktion als höchste religiöse Instanz, sondern nur als Staatsmann. Seine oberste Pflicht war es, den Glauben zu schützen. Doch theologische Entscheidungen gehörten nicht zu seinen Rechten, sondern waren Sache der Religionsgelehrten, der 'ula mâ. Unter Letzteren entwickelte sich allerdings kein hierarchisch gegliederter Klerus. Theoretisch hatte sich auch der Kalif den Entscheidungen der 'Ulamâ zu beugen, allerdings war es seine oberste Pflicht, wie sein Titel zum Ausdruck bringt, "Beherrscher der Gläubigen" zu sein. Der Titel sultân bedeutet hingegen "Macht", worin die weltliche Natur dieser Funktion zum Ausdruck kommt. Die türkischen Osmanen, die sich zu Beginn des 17.

Jahrhunderts fast die gesamte arabische Welt unterwarfen, verzichteten auf eine erkennbare religiöse Legitimation. Der Sultan legte sich einfach als zweiten Titel auch den des Kalifen zu.

Im Orient kam der Nationalstaatsgedanke erst Ende des 19. Jahrhunderts unter europäischem Einfluss auf. Es war Mustafa Kemal ("Atatürk") in der Türkei, der nach der Niederlage und der Auflösung des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur das Sultanat, sondern auch das Kalifat abschaffte und Religion zur Privatsache eines jeden Bürgers machte. Äußerer Ausdruck dieser Säkularisierung war auch, dass man die traditionelle Kleidung einschließlich des Frauenschleiers verpönte und das Tragen westlicher Kleidung propagierte, die Polygamie verbot, die arabische Schrift durch die lateinische und den muslimischen Kalender durch den gregorianischen ersetzte sowie ein modernes Schulsystem etablierte - alles Maßnahmen, deren westeuropäische Herkunft unverkennbar ist.

Der Kemalismus, von Anfang an nationalistisch geprägt, ist bis heute Staatsdoktrin in der Türkei. Seit 1960 hat die Armee in drei Putschen den Kemalismus verteidigt und die Staatsführung auch immer wieder in die Hände demokratischer Parteien zurückgegeben, sich aber ein erhebliches Mitspracherecht bewahrt. Bei aller berechtigten Kritik, die der Westen zuweilen an der Türkei übt, ist diese bis jetzt der einzige Staat im Nahen Osten, der die Trennung von Religion und Staat (und die Demokratie) konsequent bewahrt hat.

Doch seit den achtziger Jahren wird dies durch mehrere islamistische Gruppen, die bereits eindrucksvolle Wahlerfolge verbuchen konnten, gefährdet, auch wenn sie nicht pauschal als undemokratisch oder gar militant bezeichnet werden können. Worin sie sich jedoch einig sind, ist das Bestreben, die Religion wieder aus der Privatsphäre und den Moscheen in die Öffentlichkeit und damit in die staatlichen Institutionen zurückzuholen. Die Abschaffung des Kalifats durch Atatürk führte in der islamischen und vor allem der damals unter britischer oder französischer Vormundschaft stehenden arabischen Welt zu einer heftigen Diskussion über die Wiedererrichtung des Kalifats. Mitten in diesen Disput platzte 1925 ein Buch des ägyptischen Theologen Ali Abdarraziq mit dem Titel Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft. Fazit des Werks: Nirgendwo in den heiligen Schriften ist den Muslimen ein Kalifat, ja überhaupt eine Staatsform vorgeschrieben. Es sei ihnen selbst überlassen, sich ihre jeweilige Staatsform zu schaffen. Die Entrüstung der Theologen war groß, und Abdarraziq erhielt Berufsverbot.

Dennoch war vom Kalifat bald keine Rede mehr. Den politischen Diskurs dominierte das Streben nach Unabhängigkeit von europäischer Herrschaft. Auch als diese nach dem Zweiten Weltkrieg sukzessive erkämpft wurde, hatten die religiösen Kräfte kaum einen Anteil daran. Der von einem christlichen arabischen Lehrer mitbegründete Baath ("Wiedererweckung") in Syrien und im Irak sowie der Nasserismus in Ägypten, beides säkularistische, wenn auch nicht demokratische Ideologien, zwangen islamistische Strömungen in den Untergrund wie die bereits in den zwanziger Jahren entstandenen Muslimbrüder.