Die Selbstmordattentäter von New York und Washington entsprechen kaum dem Bild, das man sich vom radikalen Islamisten macht. Junge Männer aus wohlsituierten Familien, jahrelang im Westen ausgebildet und als Naturwissenschaftler und Ingenieure mit großen Karrierechancen: Wie konnten sie solche Attentate begehen? Eine verständliche Frage. Und doch ist das Profil der Täter nicht völlig überraschend. In vielen islamischen Ländern sind Studenten in den Bewegungen des politischen Islam aktiv. In gewisser Weise haben sie das Erbe der revolutionären kommunistischen Gruppen der siebziger Jahre angetreten.

Auch der Kalifatstaat des Cemaleddin Kaplan und seines Nachfolgers Metin Kaplan zieht Studenten an. Dies ist die radikalste Gemeinde türkischer Muslime in Deutschland. Sie wurde 1983 als Abspaltung der Milli Görü' gegründet. Kaplan hielt es nicht für möglich, auf parlamentarischem Weg in der Türkei eine islamische Republik zu begründen. Er setzte stattdessen auf eine Basisbewegung. Durch eine Rückkehr zu den Quellen, also zum Koran, sollte die Zersplitterung der Muslime überwunden, die Macht erobert und als Endziel das Kalifat - das Amt des Oberhauptes aller Muslime - neu errichtet werden.

Anfang der neunziger Jahre radikalisierte sich die Bewegung zunehmend. Sie rief den Glaubenskrieg gegen die Türkei (1991) aus. Sie trat als Exilregierung (1992) auf. Kaplan ernannte sich zum Kalifen (1994). Damit hatte sich der Anführer einer damals ungefähr 1400 Mitglieder zählenden Gemeinde zum Oberhaupt aller Muslime erklärt - und zugleich von den anderen islamischen Gemeinden in Deutschland isoliert. Viele Anhänger der ersten Stunde, strenggläubige Muslime vom Lande, empfanden die Ausrufung des Kalifats als Hybris. Sie verließen die Gemeinde. An ihre Stelle traten junge Migranten der zweiten Generation.

1995 starb Kaplan, und sein weit weniger charismatischer Sohn Metin wurde Nachfolger im Kalifat. 1996 kam es zur Spaltung der Gemeinde. Ibrahim Sofu, der als Arzt in Berlin arbeitete, wurde von seinen Anhängern zum Kalifen ausgerufen. Metin Kaplan reagierte darauf mit einer "Todes-Fatwa": Wer sich zur Zeit eines amtierenden Kalifen zum Gegenkalifen erkläre, verdiene die Todesstrafe. 1997 fiel Ibrahim Sofu einem Mordanschlag zum Opfer. 1999 wurde Metin Kaplan verhaftet und im November 2000 vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Aufrufs zum Mord zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Es war diese Radikalisierung, die Gymnasiasten und Studenten an Kaplan fasziniert hat. Wie ist das zu erklären?

Der 16-jährige Gymnasiast Seyfullah entdeckte seine Begeisterung für Kaplan, als dieser 1992 gerade begann, die Gemeinde in eine elitäre Kaderpartei umzuwandeln. Die Gemeindemitglieder erklärten sich zur Vorhut der islamischen Revolution. Sie organisierten Wehrsportübungen, legten traditionelle islamische Kleidung an: Robe und Turban. Seyfullah war überzeugt, die Führungsschicht eines künftigen islamischen Staats würde von den Mitgliedern der Kaplan-Gemeinde gestellt. Er glaubte, die Revolution stehe bevor: "Kaplan hat gesagt, die Sache des Islam sei in der Türkei weit vorangeschritten. Sie wollen ihn zum Schweigen bringen, das klappt aber nicht."

Seyfullah begann, Arabisch zu lernen und regelmäßig an den Jugendtreffen in der Gemeinde teilzunehmen. Bald gehörte er zu dem inneren Kreis, der sich in das islamische Wissen einarbeitete. Dann wandte er sich politischen Fragen zu: "Was ist ein islamischer Staat? Wie verhält sich Demokratie und Islam?

Was ist die Aufgabe der neuen Generation? Wir nehmen den Propheten als Beispiel und studieren, welche politische Taktik er gewählt hat, wie er sich unter der Folter verhalten hat." Das ist ganz anders, als es bei der Gründungsgeneration war: An die Stelle eines Gewebes von Geschichten und Erzählungen ist eine Systematik getreten. Die jungen Islamisten eigneten sich das islamische Erbe mit den intellektuellen Werkzeugen an, die sie an den deutschen Schulen und Universitäten erworben hatten.

Im Gespräch äußert sich Seyfullah über den Reiz, den Kaplans Denken auf ihn ausübt: "Vollkommen logisch, da ist nichts, was sich widerspricht, es ist wie in der Mathematik." Seyfullah betont den "Halt", den er durch Kaplan gewonnen habe. Hilfe während eines Pubertätskonflikts, in dem dreierlei Einflüsse zusammentreffen: die "erste Generation", die "Türkei", "Deutschland".

Die erste Generation Die türkischen Migranten waren nach Deutschland gekommen, um schnell ein Vermögen zu machen. Dahinter stand der Wunsch, die Zukunft zu sichern. Die meisten hofften, später in einer der türkischen Großstädte ein Geschäft eröffnen zu können. Die rapide Verschlechterung der Wirtschaftslage in der Türkei führte dazu, dass die meisten in Deutschland hängen blieben. Sie richteten sich im Provisorium ein: In ihren Gedanken orientierten sie sich an der Türkei - faktisch waren sie in Deutschland.

Jetzt und hier arbeitete und sparte man, um in Zukunft und dort leben zu können. Für viele Türken der zweiten Generation jedoch wurden dieser Rückkehrtraum und die Orientierung an der Türkei problematisch. Sie wollten nicht wegen einer fragwürdigen Zukunft auf Lebensqualität und auf eine geachtete Existenz "hier und jetzt" in Deutschland verzichten.

Die Begegnung mit Kaplan gibt Seyfullah nun die Möglichkeit, sich zu behaupten. Immer wieder hat die zweite Generation erlebt, dass ihre Einschätzungen von den Älteren mit einem Verweis auf den Islam vom Tisch gewischt wurden. Nun vermag Seyfullah, den Islam der Eltern infrage zu stellen. "Wenn man den alten Leuten was erzählt, sagen sie: ,Hey, pass mal auf, du bist jünger als ich, du hast mir gar nichts zu sagen.' Aber die ignorieren den Punkt im Islam, an dem es heißt: ,Der Islam hat nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit dem Wissen.'"

Türkei Durch Kaplan vermochte Seyfullah allmählich auch das Verhältnis zur Türkei (und den Türkei-Türken) neu zu bestimmen. Von der ersten Generation war die Türkei geradezu mythisiert worden. Den jungen Deutschtürken war aber klar, dass sie dort keine Perspektive haben würden. Die Türkei ist für sie zur verlorenen Heimat geworden. Aber vom islamistischen Standpunkt aus betrachtet, kommt die Türkei nur gegenwärtig als Heimat nicht infrage, sie könnte aber in Zukunft, nach einer islamischen Revolution, zur Heimat werden.

Bei dieser Generation fällt die Radikalkritik Kaplans an der gegenwärtigen Türkei als einem Regime des Teufels auf weit fruchtbareren Boden als bei der ersten. "Der türkische Staat wurde auf Blut begründet, auf zwei Millionen Opfern, zwei Millionen aus dem gleichen Volk", sagt Seyfullah. "Wir wollen dieses Regime stürzen und an seine Stelle ein gerechtes, ruhiges, von Terrorismus freies Regime setzen, wo jeder Bruder des anderen ist. Ob Kurde, Araber, Tscherkesse, was auch immer."

Dies erlaubt zugleich, sich in allen praktischen Dingen an Deutschland zu orientieren. Wichtig ist dies vor allem wegen der Staatsangehörigkeit. "Für mich macht es keinen Unterschied. Wir sind Muslime. Elhamdullilah - Gott sei gepriesen. Ob ich nun in der Heimat einen türkischen oder einen deutschen Pass habe - ich bin doch immer der Gleiche."

Deutschland In einer ganz anderen Weise erlaubt die Rezeption der Lehren Kaplans schließlich, Differenzen und Gemeinsamkeiten im Verhältnis zu Deutschland zu denken. Kaplans revolutionärer Islam ermöglicht ein "Outing" - das Inszenieren von Andersartigkeit in der Absicht, Anerkennung für den eigenen Lebensentwurf zu finden.

So kommt Seyfullah dank der Hinwendung zu Kaplan zu der Einschätzung, dass es sich bei den türkischen Muslimen um eine doppelt diskriminierte Gruppe handelt: Sie werden als Türken und Muslime ausgegrenzt. Mit andern Mitgliedern der Gemeinde teilt Seyfullah das Gefühl, dass die Deutschen - wenn überhaupt - "integrierte Türken wollen, Türken, die so sind wie sie selbst". Wenn er nun in der Öffentlichkeit islamische Kleidung trägt, dann um seine islamische Identität und damit das am stärksten diskriminierte Attribut zu betonen. Das erfordert Mut.

Die Strategie, gerade den diskriminierten Aspekt zu inszenieren, ist eine von verschiedenen Minderheiten gewählte Strategie - von Behinderten bis zu Schwulen. Solange man das anstößige Attribut versteckt, bejaht man den missbilligenden Blick der Mehrheit, ja man blickt auf sich selbst mit den Augen der Mehrheit, was nichts anderes heißt, als dass man nicht zu den eigenen schwulen/islamischen/behinderten Besonderheiten steht - und sich zumindest in gewissen Situationen ihrer sogar schämt. Letztendlich läuft dies darauf hinaus, dass man das Besondere als Stigma hinnimmt. Man beginnt den Alltag vom Stigma her zu gestalten, das heißt, in Bereiche zu gliedern, in denen man sich zu dem Attribut offen beziehungsweise gefahrlos bekennen kann, und in andere, wo man es verbirgt. In Bezug auf die Muslime der ersten Generation war dies sehr deutlich: Sie beteten nicht öffentlich, wie es die Religion eigentlich erforderte (und vor allem wagten sie nicht, an öffentlichen Plätzen wie Autobahnraststätten die rituelle Waschung zu vollziehen). Das "Outing" läuft darauf hinaus, den Spieß umzudrehen.

Ziel des "Outings" ist das Verschieben des sozialen Konsenses. Es geht im Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens um die Durchsetzung einer Besonderheit als normal oder selbstverständlich, die vorher als unnormal oder gar pervers ausgegrenzt wurde. Es geht um die Veränderung der öffentlichen Meinung. Dabei werden auch Institutionen provoziert, um sie zu Reaktionen zu veranlassen. So sollen sie vorgeführt und als islamfeindlich entlarvt werden.

Dieser Kampf um Anerkennung ist kein Rückzug aus der deutschen Öffentlichkeit. Im Gegenteil, es ist der Versuch, in dieser Öffentlichkeit eine Stimme zu erhalten. Als radikaler politischer Muslim sieht sich Seyfullah als Teil einer unbequemen Opposition in Deutschland.

Bevor er sich der Kaplan-Gemeinde zuwandte, hatte sich Seyfullah fast völlig an seine Umwelt im Gymnasium angepasst. Er hatte nur deutsche Freunde. Durch Skateboard-Fahren und Graffiti-Sprayen schockierte er seine Eltern, beide konservative Muslime, und stellte sie vor der türkischen Gemeinde der Kleinstadt bloß. Die Hinwendung zur Kaplan-Gemeinde ist interpretierbar als eine intellektuell überzeugendere Lösung des Problems, besonders und anders zu sein. Die Kaplan-Bewegung scheint vor allem für junge Intellektuelle interessant, die aus bewusst islamischen Elternhäusern kamen: Vor allem sie konnten durch die Hinwendung zu Kaplan Opposition und Identifikation signalisieren.

Im Lauf der neunziger Jahre ist die Faszination, die von einem revolutionären Islam auf islamische Studenten ausging, allmählich verblasst. Die Forderung nach Anerkennung, geradezu gebieterisch eingefordert wie von der Kaplan-Gemeinde, konnte das Problem der mangelnden Anerkennung nicht lösen.

Darüber täuscht auch die Berufung auf die göttliche Wahrheit nicht hinweg, selbst wenn sie - um den Preis von Intoleranz und Selbstgerechtigkeit - zunächst einen archimedischen Punkt anzubieten scheint. Stattdessen gewannen Ideen an Attraktivität, die das Prinzip Fundamentaloppositionen überwinden.

Sie verzichten auf die Illusion einer einmaligen und endgültigen Lösung der Weltprobleme und setzen zunehmend auf eine Politik der kleinen Schritte zur Schaffung islamischer Strukturen in der Gesellschaft. Der "Fundi-Flügel" hat gleichsam an Einfluss verloren.

Was bei alledem auffällt, ist die Kluft zwischen den Profilen der Kaplan-Anhänger und den Tatverdächtigen von New York und Washington. Die Kaplan-Anhänger waren das Gegenteil von "Schläfern". Ihnen lag das Herz auf der Zunge. Für sie war bezeichnend, dass sie offen - und offensiv - für ihre Sache eintraten. Solche Ideologien bereiten den Boden für eine kämpferische, antiwestliche Haltung. Publikationen der Kaplan-Gemeinde verraten, dass aus ihren Reihen Kämpfer in Bosnien und in Tschetschenien hervorgegangen sind.

Der Unterschied zu den Attentätern ist gleichwohl groß - nicht weniger groß als der zwischen radikalen Gruppierungen der Studentenbewegung und den Terrorzellen der Rote-Armee-Fraktion.

Werner Schiffauer lehrt Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder

sein neuestes Buch: "Die Gottesmänner. Islamisten in Deutschland"