In Deutschland ist die Beziehung zwischen Buch und Berufsfußballer eine eher zerrüttete. Schon wer im Mannschaftsbus lieber liest, als Gameboy spielt (der Schalker Yves Eigenrauch und der Herthaner Michael Preetz etwa), wird zwar von den schlauen Journalisten schlauer Zeitungen gern zum Intellektuellen überhöht, genießt im Kreise der kickenden Kollegen allerdings selten einen besseren Ruf als ein Streber auf Klassenfahrt. Fast unvereinbar ist hierzulande gar die Rolle des Fußballprofis mit der des Autors. Wer schreibt, wird abgeschrieben, das haben Harald Schumacher und Lothar Matthäus erfahren.

Als Schumacher 1987 seine Autobiografie Anpfiff veröffentlichte und darin Dopingvorwürfe gegen die Bundesliga erhob, setzte ihn der Deutsche Fußball-Bund als Kapitän der Nationalelf ab, der 1. FC Köln löste den Vertrag mit seinem Torwart auf, Schumacher wechselte zum FC Schalke 04 und stieg dort in die zweite Liga ab. Aufwärts ging es nur mit der Auflage seines Buches, das die taz als katholischen Vorläufer der Satanischen Verse bezeichnete.

Anpfiff wurde in 13 Sprachen übersetzt und rund eine Million Mal verkauft.

Noch heute sagt Schumacher: Lieber ein Knick in der Laufbahn als im Rückgrat.

Als Lothar Matthäus zehn Jahre nach Schumacher sein Tagebuch niederschrieb, waren die Reaktionen gehaltvoller als der Inhalt. Karl-Heinz Rummenigge, Vizepräsident des FC Bayern München, beeilte sich festzustellen: Ich gehöre nicht zu den 50 000 Deppen, die es schon gekauft haben. Rummenigges Vorgesetzter, Franz Beckenbauer, entließ Matthäus aus dem Kapitänsamt, und Mitspieler Thomas Helmer diagnostizierte: Kranken muss man helfen. Matthäus hatte mithilfe eines Bild-Reporters vom Alltag im Bundesliga-Business berichten wollen und doch nur Einblick in seine Gedankenwelt geboten: Das Hotel - unter aller Kanone. Es liegt in einem Armutsviertel. Nichts los rundrum, Der Afrikaner, der hat eine andere Mentalität, Ich kann nicht einschlafen. Ich denke über Bayern nach - zwar nur über den FC, aber auch das erschien wichtig genug, um darüber zu schreiben und zu reden, am liebsten am Telefon. Denn gibt es ein Problem, versucht Matthäus bekanntlich sofort, alle und jeden über Handy zu erreichen. Im Buch heißt es dazu: ... spontan denke ich: Den rufst Du jetzt an. Mach' ich dann doch nicht. So wurde Matthäus' Tagebuch zwar kein Bestseller, aber der Autor vermutlich dennoch zum Weltrekordhalter: Kein anderes Werk hat eine vergleichbare Telefonier- und Funklochdichte.

HENNING SUSSEBACH