Tameena sitzt in Washington vor dem Fernsehgerät und ist Zeugin, wie die US-Militärmaschine in Bewegung gerät. Gegen ihre Erzfeinde, die Taliban. Doch erleichtert kann die 23-jährige Frauenrechtlerin aus Afghanistan nicht sein. An ihre eigene Flucht als Zehnjährige erinnert sie sich noch zu gut. Zu Hause kann sie niemanden telefonisch erreichen, und vor den unscharfen Fernsehbildern wird ihr schwindlig.

Tameena gehört zum harten Kern der Untergrundorganisation RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan); zum Kader von rund 2000 Frauen, die in Afghanistan und im benachbarten Pakistan ausschließlich für die Organisation arbeiten. Die Frauen führen ein gefährliches Leben, denn in den Augen der Taliban kämpfen sie für radikale Ziele: das Recht kleiner Mädchen, Lesen und Schreiben zu lernen. Das Recht einer Frau, auf die Straße zu gehen, aus dem Fenster zu schauen. Einen Arzt zu besuchen. Einen Beruf auszuüben.

Unter dem Taliban-Regime zählen Frauen nichts. Nur fünf Prozent der weiblichen Bevölkerung können lesen (Männer: 28 Prozent). Die Müttersterblichkeit bei Geburten ist die höchste der Welt. Verschleiert zu sein genügt nicht, die Taliban-Bestimmung verlangt, "dass eine Frau in der Öffentlichkeit keine menschliche Form aufweist".

Schon vor Monaten war Tameena, die tatsächlich einen anderen Namen trägt, zum Vortrag an der University of Maryland eingeladen worden. Was einem bescheidenen Fundraising dienen sollte, verwandelte sich nach dem 11. September in ein regelrechtes Medienspektakel, Larry King lud die junge Afghanin in seine CNN-Talkshow ein. Tameena ist geduldig. Sie hofft, dass man ihr zuhört.

Man solle, warnt sie überall, in Afghanistan nicht schon wieder ein großes Übel mit einem vermeintlich geringeren bekämpfen. Wenn die Fundamentalisten aus der Nordallianz die Stelle der Taliban einnähmen, dann gebe es in fünf Jahren die nächste Krise. Vor allem dürften die Frauen nicht vergessen werden. Nach den vielen Kriegsjahren stellen sie die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung. "Verteilen die männlichen Eliten und Stammesführer wieder alle Macht unter sich, dann wird das Land keinen Wiederaufbau erleben."

Tameena reist auch in den USA unter extremen Sicherheitsvorkehrungen. 1987 wurde die Gründerin der Gruppe RAWA in Afghanistan ermordet, auch ihre beiden engsten Mitarbeiterinnen. Mädchenschulen wurden gesprengt. Lehrerinnen, die heimlich in Wohnungen unterrichten, droht die Verhaftung. Es gab Säureattentate. Doch auf makabre Weise macht es die Unterdrückung den Widerstandskämpferinnen sogar leichter, im Untergrund zu arbeiten: Hinter dem weit flatternden, alles verhüllenden Umhang, der Burka, lassen sich Unterrichtsmaterialien, Pakete und Bücher unsichtbar transportieren. Selbst Videokameras. So kamen viele Beweise für die Grausamkeiten der Taliban ans Licht.

Wie hält man die ständige Lebensgefahr, die dauernden Anfeindungen aus? Tameena wehrt solche Fragen ab: "Ich empfinde mich als privilegiert. Ich hatte das enorme Glück, eine Schule besuchen zu dürfen." Die RAWA-Kämpferin wuchs in Kabul auf, als Tochter eines Lehrerehepaars. Ende der achtziger Jahre floh die Familie nach Pakistan.