Streifzug durch einige Innenministerien der Länder. Die Chefs rotieren: Sicherheitspakete werden geschnürt, Polizeidirektionen bestandpunktet, Pressekonferenzen durchgestanden, Krisenlagen beschrieben, Telefonschaltkonferenzen ohne Ende abgehalten und bei öffentlichen Auftritten innere Sicherheit markiert. Das Sicherheitsbedürfnis der Landsleute ist riesig, die Risikoscheu auch. Das bedrückt jene Innenminister, die sich über die Militanz in der eigenen Gesellschaft nichts vormachen und ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern lieber mit Erich Kästner sagen würden: "Seien wir ehrlich, Leben ist immer lebensgefährlich."

So wichtig waren sie - fünfzehn Männer und eine Frau - noch nie. Sind sie mächtiger geworden? Da steht Otto Schily vor. Der Bundesinnenminister überstrahlt alle. Wenn es um die innere Sicherheit geht, lässt er niemanden neben sich gelten. Manchmal muss er sogar daran erinnert werden, dass Polizei nun wirklich Ländersache ist und als Machtbasis ihrer Innenminister nicht zu schleifen. Sogar den bayerischen Hardliner Beckstein, als Spezialist für scharfe Sprüche bekannt, möchte Schily noch rechts überholen. Schmunzelnd erzählt Fritz Behrens, der stattliche Innenminister von Nordrhein-Westfalen, wie Beckstein schon den heißen Atem des Verfolgers im Nacken spürt und sich wundert, wie es mit dem Vaterland so weit hat kommen können. Als Franke ist Beckstein reichstreu und außerdem schwer außer Fassung zu bringen. Das haben schon andere versucht und nicht geschafft, zum Beispiel der hessische CDU-Innenminister Volker Bouffier, der den Bayern bei passender Gelegenheit an die Wand zu spielen versuchte und dafür mit Verachtung gestraft wird, übrigens nicht nur dafür: In der Innenministerkonferenz haben die Juristen die Mehrheit. Dass der ehemalige Anwalt Bouffier wegen Parteienverrats ein Bußgeld bezahlen musste, ist in ihren Augen schlimmer als eine Rauferei, es ist ehrenrührig.

Beckstein vergleicht die Lage mit der "Ruhe vor dem Sturm". Das war vor Kriegsbeginn. "Wir wussten, dass wir Ruhe- und Vorbereitungsraum von gewaltbereiten Islamisten waren", sagt er im Gespräch, aus Termingründen musste es auf dem Flughafen in München stattfinden. "Dass wir auch Ausführungsraum werden könnten, war nach der übereinstimmenden Lagebeurteilung der Sicherheitsbehörden völlig eindeutig." Als Bayer habe er, wie sein Kollege Behrens verständnisinnig sagt, "eine größere Nähe zu den geheimen Machtinstrumenten des Staates".

Eine Wanze würde helfen

In Bayern werden die Mitarbeiter, die auf den Flughäfen im Sicherheitsbereich arbeiten, schon seit vielen Jahren vom Verfassungsschutz überprüft. Beckstein weiß: "Nicht die HighTech-Leute, sondern die Gepäckarbeiter und Reinigungskräfte, die kaum ein Wort Deutsch sprechen oder verstehen, sind das eigentliche Problem." Sein Paradebeispiel: Ein Imam, der als Angehöriger des Kalifatstaates von Metin Kaplan in Köln von sich reden machte, war ursprünglich Arbeiter am Flughafen in München. Die vermutete Beteiligung an einem Auftragsmord konnte ihm nicht nachgewiesen werden, aber wegen Aufruf zu Gewalttaten saß er zwei Jahre ab. Ausgewiesen werden konnte er nicht, das ist erst nach drei Jahren Freiheitsstrafe möglich, zudem hat er Frau und Kinder in Deutschland, "aber auf unsere Rechtslage lässt er sich nicht ein, und wir müssen ihn jetzt mit extremem Aufwand überwachen". Elektronische Aufklärung würde helfen, sagt Beckmann, aber eine Wanze im Nebenzimmer der Gaststätte zu platzieren, in dem die Islamisten unter sich sind, ist auch nicht zu machen, es sei denn, es lägen "konkrete Hinweise auf eine Straftat vor". Aber woher soll man die haben? Die sucht man doch erst.

Keine Sorge, nicht ohne Grund wird der Bayer im Kreise der Ministerkollegen als charakterstarker Mensch geschätzt und zugleich als großes Schlitzohr bewundert. Einfach aufgeben ist nicht seine Sache: "Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber ich werde durchsetzen, dass wir gewaltbereite Islamisten ausweisen." Als sei er seiner Gesprächspartnerin etwas schuldig, setzt er liebenswürdig hinzu: "Das sind leider alles Dinge, die für den liberalen Bürger nicht sehr erfreulich sind."

Polizeiminister sind keine zimperlichen Leute, auch deshalb ist beruhigend, dass auch manchen von ihnen mulmig wird, wenn sie daran denken, was sie unserer offenen liberalen Gesellschaft antun müssten. Der Sozialdemokrat Manfred Püchel aus Sachsen-Anhalt, derzeit Vorsitzender der Innenministerkonferenz, ist einer von ihnen - ein gewitzter humorvoller Mann, studierter Chemiker, der "an den Errungenschaften hängt, die die Wende uns brachte". Dabei ist er keine Jammernummer, sondern versteht es, selbst robust anzupacken. Das bewies er im vergangenen Jahr, als das Polizeigesetz von Sachsen-Anhalt novelliert werden musste. Er setzte durch, dass die Polizei verdachtsunabhängige Straßenkontrollen vornehmen, Platzverweise gegen Störer aussprechen und bestimmte Kriminalitätsschwerpunkte mit Videokameras überwachen kann. Die PDS, die in Sachsen-Anhalt mit der SPD in einer "Duldungspartnerschaft" lebt, war dagegen. Aber Püchel war es ernst. Er stellte Ministerpräsident Höppner vor die Wahl, sich zwischen ihm und der PDS zu entscheiden. Ob die Innenminister zur Gefahrenabwehr jetzt zu viel oder zu wenig tun, ist eine Frage, die ihn heute ins Grübeln bringt. Zu welcher Fehlform ein Staat degeneriert, der hundertprozentige Sicherheit exerziert, hat er als Bürger der DDR erlebt. "Wir haben ja in der Bundesrepublik sehr sicher gelebt", seufzt er über das Telefon. "Im Grunde können wir jetzt schätzen lernen, wie friedlich die Wende war."