Manche Ökonomen sind Zyniker. Andere Menschen reden über Terror und Bomben, sie aber fragen: Was bedeutet das für Konsumquote und Investitionsbereitschaft? Und kommen zu dem Ergebnis, dass das, was am 11. September und danach passierte, für die Wirtschaft womöglich ganz heilsam war.

Zum Beispiel Stephen Roach, Chefökonom der New Yorker Investmentbank Morgan Stanley. Vor den Terroranschlägen hatte Roach der amerikanischen Wirtschaft eine über mehrere Jahre anhaltende Schwächephase prophezeit. Vier Wochen später - und wenige Tage nach Beginn der Gegenschläge in Afghanistan - prognostizierte Roach einen baldigen deutlichen Aufschwung. Sein Kollege Bruce Steinberg vom Konkurrenten Merrill Lynch, seit jeher einer der notorischen Optimisten unter den US-Ökonomen, geht noch weiter: Schon im kommenden Frühjahr werde die Wirtschaft der Vereinigten Staaten erneut kräftig wachsen - um nicht weniger als 4,7 Prozent, so viel wie zu Zeiten des New-Economy-Booms der Neunziger.

Die These vom steilen Aufstieg basiert auf der Diagnose vom tiefen Fall. Schon in den Monaten vor dem 11. September hatten 1,4 Millionen Amerikaner ihren Job verloren - doppelt so viel wie im Jahr 2000. Aber erst nach den Terroranschlägen von New York und Washington wurde richtig klar, wie sehr die US-Wirtschaft in der Krise steckt. Der September brachte den stärksten Stellenabbau seit Anfang der neunziger Jahre. Die Unternehmensgewinne dürften in diesem Quartal so gering ausfallen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wie tief es jetzt nach unten geht, weiß niemand. Der Wirtschaftsberater von Expräsident Bill Clinton, Martin Baily, spekulierte in der Business Week, dass sich der Absturz von 1980 wiederholen könnte. Damals verzeichnete die amerikanische Wirtschaft für kurze Zeit ein Minus von zehn Prozent.

Schlechte Aussichten, sagen die Pessimisten unter den Konjunkturexperten, die für das kommende Jahr nur ein geringes Wachstum vorhersagen, wenn überhaupt. Aber vielleicht auch gute Aussichten. Die Geschichte zeige, dass "auf schwere Rezessionen ausnahmslos ein starker Aufschwung folgt", sagt Roach. Je tiefer die Krise, desto schneller werden kräftige Korrekturen in Gang gesetzt - zum Beispiel, weil die Unternehmen ihre Überkapazitäten abbauen. Und weil auch die Politik eher bereit ist, Unternehmen und Verbrauchern unter die Arme zu greifen. In den USA sind Kredite nach neun Zinssenkungen inzwischen so billig wie seit 40 Jahren nicht mehr. Und der amerikanische Präsident George W. Bush will 130 Milliarden Dollar ausgeben, um der Wirtschaft zu helfen. Manche Experten sprechen überrascht von einer Rückkehr des Keynesianismus, in dem der Staat mit Ausgabenprogrammen die Konjunktur ankurbelt, statt zu sparen. "Dabei waren die Amerikaner in dieser Beziehung schon immer viel pragmatischer", sagt der Keynesianer Heiner Flassbeck, einst Staatssekretär unter Finanzminister Oskar Lafontaine und jetzt Ökonom bei der UN-Organisation Unctad.

In Amerika versucht der Staat die Wirtschaft zu heilen, in Europa dagegen bleiben die Regierungen bei einer Politik der ruhigen Hand. Die Begründung: Anders als die Vereinigten Staaten stehe die EU nicht vor einer Rezession - sagt jedenfalls stellvertretend für andere Europäer der deutsche Finanzminister Hans Eichel. Spekulationen über Steuersenkungen oder gar ein staatliches Konjunkturprogramm erteilten die Finanzminister der wichtigsten EU-Länder erst am vergangenen Wochenende eine Absage. Auch die europäische Zentralbank ließ noch am Wochenanfang verlauten, es bestehe kein Anlass, die Zinsen weiter zu senken.

Eichel gibt sich sicher - kann es aber gar nicht sein. Wachstumszahlen werden immer erst mit einiger Verspätung bekannt. Bis dahin muss sich die Politik auf Prognosen verlassen, und die hatten nach dem 11. September fast alle Banken und Forschungsinstitute nach unten revidiert. Für den Euro-Raum sei im kommenden Jahr noch ein Plus von vielleicht 1,5 Prozent, für Deutschland ein Zuwachs von nur noch 1,2 Prozent zu erwarten, ergab eine Umfrage des Londoner Economist bei 16 internationalen Geldinstituten in dieser Woche. Selbst der sonst so optimistische Wirtschaftsminister Werner Müller musste einräumen, dass die deutsche Ökonomie wohl stärker in der Krise steckt als angenommen.

Belege dafür finden sich zuhauf. Der Chemiekonzern Bayer reduziert seine Ausgaben um 500 Millionen Euro, der Halbleiterproduzent Infineon streicht geplante Investitionen in Höhe von 600 Millionen Euro. Die Lufthansa hatte 15 Stück des neuen Airbus-Großraumfliegers und vier Boeings bestellt - und stellt diese Aufträge in Höhe von geschätzten 5,4 Milliarden Euro nun zurück. Die deutschen Konzerne investieren weniger.