In der noch nicht ganz übersichtlichen Situation tun wir das, was die Philosophie in schwerem Wetter immer tut: Sie geht auf Distanz und vergleicht erst einmal die beiden Wickerts, mit denen man es hier zu tun hat. Wickert II, um den Vergleich von hinten aufzuzäumen, ist mit allen Tricks politischer Dementivirtuosen vertraut. Wie sie spricht er von den obligaten "Missverständnissen". Vergleiche, die nun schnöderweise ihm zugeschrieben werden, hat er nur von der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy zitiert. Er selber hat allein, weil sie so "ungeheuerlich" waren, laut überlegt, "was sie dabei meinen könne". Überlegen, selbst das laute, ist immer gut. Roy hat sich allerdings in ihrem von der FAZ abgedruckten Artikel durchaus klar ausgedrückt: Als hoch begabte Nachfahrin aller Autoren, die - vom Alten Testament über die griechische Tragödie bis zum Drama des deutschen Sturm und Drang - über die Abgründe scheinbar verfeindeter, aber innig verwandter Brüderpaare geschrieben haben, hat sie Osama bin Laden "das amerikanische Familiengeheimnis", den "brutalen Zwilling", den "dunklen Doppelgänger" des amerikanischen Präsidenten genannt.

Wickert I aber, der in diesem Fall wenig moderate Moderator, hat den Vergleich mit gewissen Einschränkungen "bestätigt" gefunden: Bush, immerhin, "ist kein Mörder und Terrorist. Aber die Denkstrukturen sind die gleichen" - so Wickert I. Nun, darüber kann man sich streiten - vor allem, da wir, anders als Wickert I, deswegen noch nicht unter einen neuen publizistischen Radikalenerlass fallen. Ohnehin kann man vieles vergleichen. In den historischen Debatten der letzten Jahre hatten die Singularitätsverfechter gegen die Schule der Komparabilisten, also der Vergleichbarkeitsvertreter, nicht immer einen leichten Stand. Die Philosophie aber weiß, dass zu einer ordentlichen Definition neben dem genus proximum , der nächsthöheren gemeinsamen Gattung, immer auch die differentia specifica, der artbildende Unterschied, gehört. Die "Denkstrukturen" von Bush, Berlusconi und Osama bin Laden sind hinsichtlich Selbstgerechtigkeit, Überlegenheitsideologie, Dualismus des Weltbilds gewiss nicht unvergleichlich. Aber sie weisen ebenso gewiss noch so manchen kleinen Unterschied auf. Sie sind, mit dem nötigen terminologischen Overkill gesagt, bei aller Komparabilität Singularitäten. Oder nehmen wir das Beispiel von Wickert I und II. Beiden dürfen wir getrost mehr oder minder gleiche Denkstrukturen unterstellen. Aber auch die gleichen Handlungsstrukturen? Wickert I, um auch hier das genus proximum (Wickert) mit der spezifischen Differenz (I und II) zu verbinden, ist ein Mann, wie man ihn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen selten findet: jedem Proporz abhold, radikal, meinungs- und risikofreudig, vehement kritisch ohne Rücksicht auf Verluste. Wickert II hingegen ist genau das, was man von einem Moderator erwarten darf: ausgewogen, besonnen und, wenn er doch einmal übers Ziel hinausschießt, reuevoll und selbstkritisch.

Die Empfehlung, die sich daraus ergibt, ist eine doppelte. In logischer Hinsicht empfiehlt es sich, bei einem Vergleich keines der beiden Elemente einer ordentlichen Definition, weder das Vergleichbare noch das Singuläre, zu vergessen. Weit wichtiger als die Logik aber ist die Identitätsbildung und -wahrung. In dieser Hinsicht ist Wickert II zu empfehlen, Wickert I nicht zu verleugnen. Wickert I wiederum: zu differenzieren, was er wann und wo über wen vergleichend sagt. Das Damoklesschwert der Logik und des öffentlich-rechtlichen Ausgewogenheitsterrors hängt über beiden, wenn man den einen dem anderen gleichmacht.