Die Mitglieder der Hausgemeinschaft, der Dumitru angehört, kommen allesamt aus Oas, einem armen Landstrich Rumäniens an der Grenze zur Ukraine. Sie kommen, um zu arbeiten. 5000 Oaseni aus zwölf Dörfern, weiß die Soziologin Dana Diminescu, die die Arbeitsmigranten seit Jahren beobachtet, pendeln mittlerweile zwischen Paris und ihrer Heimat. Legal oder illegal hin und, manchmal illegal, wieder zurück. Zehn Monate Altenpflege oder Fliesenlegen an der Seine, schwarz natürlich, den Rest des Jahres Ackerbau und Kindererziehen zu Hause.

Über die Jahre ist in Paris ein zweites, virtuelles Oas entstanden, an allen Ecken trifft man seine Bewohner, wenn man mit einem Oaseni unterwegs ist. Maria, die Zeitungsverkäuferin vor dem Supermarkt am Boulevard Montparnasse, ist die Cousine von Johnny, dem Mann in der Pizzaküche von Nanterre; die zwei Männer, die Johnny zufällig im Umsteigebahnhof Chatelet trifft, stammen aus einem Nachbarweiler, das Paar im Bus nach Colombes auch. Geld und gute Nachrichten aus der Fremde locken Verwandte und Bekannte: das Phänomen der Kettenwanderung wie überall auf der Welt. Wie viele hunderttausend solch illegaler Arbeitswanderer und Saisonpendler infolgedessen im Schengen-Raum leben, weiß keiner.

Seit ein paar Wochen überlegt Dumitru, wie er wieder einmal in die Heimat fahren kann. Das ist schwierig, weil er nach Paris zurückkommen will. Sein italienischer Pass ist eine schlechte Fälschung. Im rumänischen ist das Visum seit Monaten ungültig. Wenn er jetzt offiziell mit dem rumänischen Pass ausreist, wird er an der Ostgrenze Europas abgestempelt: Das Computersystem der Schengen-Länder hält seine Daten als Persona ingrata fest und sperrt ihn auf absehbare Zeit aus. Jeder muss also zusehen, dass er "im Computer sauber bleibt". Vielleicht wird Dumitru eines Nachts durch die Oder schwimmen. Vielleicht wird er sich arrangieren wie ein Nachbar daheim: Der wurde bei der Ausreise erwischt. Da hat er sich zu Hause zum Schein von seiner Frau scheiden lassen, dann wieder zum Schein eine andere geheiratet und ihren Familiennamen angenommen. Jetzt erkennt ihn der Computer nicht mehr. Er ist ein freier Mann.

Die Grenze zu überwinden, wird für die Rumänen immer schwerer. "Wir sind die ausgesperrten Sklaven von Schengen", sagt Ana, die seit Jahren als Illegale lebt. Je dichter Europa zusammenwächst, desto schmerzlicher wird das jenseits der Schengen-Grenzen empfunden. Inzwischen sind die 22 Millionen Rumänen die Einzigen unter den EU-Kandidaten, die noch immer ein Visum für jede Reise in den goldenen Westen brauchen - wie die Albaner, Ukrainer, Moldawier und all die anderen Völker, die in jenem europäischen Niemandsland zwischen den absehbaren Außengrenzen der Union und Russland wohnen. Warum gerade die Rumänen? "Ein überzeugender Grund ist schwer zu erkennen", sagt der Berliner Historiker Rainer Ohliger, der ihre Wanderungsbewegungen untersucht, "eher herrscht eine diffuse, irrationale Ablehnung: Rumänien, das ist das Land von Dracula und Ceau­escu, von Vampiren, Diktatoren, sniffenden Straßenkindern und Zigeunern".

Hauptsache, man wird an der Grenze nicht registriert

Auf dem Amtsweg können Rumänen das Visum für den Westen heute kaum mehr bekommen. Durch die Hintertür der Konsulate geschehen in den Donaustaaten jedoch viele Wunder. Auch bei den Deutschen oder den Franzosen, nicht nur bei den verrufenen Südländern. Das französische Generalkonsulat in Sofia hatte einen derart schwungvollen Handel mit Schengen-Stickern betrieben, dass Anfang September die gesamte Mannschaft abberufen und ersetzt werden musste: Mehrere zehntausend "Dienstvisa" waren an einen Prostituiertenring verkauft worden. In den Außenstellen westlicher Botschaften macht man sich zunehmend Sorgen über mögliche Überfälle. Der schwarze Markt für Einreisegenehmigungen für den Schengen-Raum ist lukrativ. In Marokko sind schon Drogenbarone auf den Schmuggel von Arbeitskräften nach Spanien umgestiegen.

3000 Mark kostet das Visum in Rumänien derzeit auf dem Schwarzmarkt. Eine Summe, die anschließend im Westen mit vielen Monaten Putzen, nächtlichem Tellerspülen oder Hilfsarbeiten auf dem Bau abgestottert werden muss. Erst danach geht es an das eigentliche Ziel der Reise, das Geldverdienen und Sparen. Ana hat viereinhalb Monate gebraucht, bis das Visum abbezahlt war, Dumitru mehr als ein Jahr. Die Besuche in der Heimat werden immer seltener, weil jeder neue Beschluss der europäischen Innenminister zur Beschränkung der illegalen Zuwanderung die Nebenkosten der Anfahrt, Bestechungsgelder für westliche und rumänische Behörden, in die Höhe treibt. "Der Polizist, der den Pass ausstellt, und der Zöllner an der Grenze wollen beide Geld sehen", sagt Ana. Das sind zwei Berufsgruppen, die es nicht nötig haben, im Westen Arbeit zu suchen.