New York

Vier Wochen danach schimpfen die New Yorker wieder, was man für ein gutes Zeichen halten kann. "Hosenscheißer", knurrt ein Radiomoderator, "diese Baumknutscher und Friedenstussis sind eine Schande für die Stadt." Da marschieren die Hosenscheißer auch schon durch Manhattan - immerhin 10 000 an der Zahl - und tun, was vor zwei Wochen noch undenkbar erschien. Sie beschimpfen ihren Präsidenten: "Militaristen-Cowboy", "Krieg ist nicht die Antwort". Kurz zuvor sind die ersten Cruise-Missiles auf Kabul niedergegangen. Osama bin Laden hatte den Amerikanern per Video weitere Terroranschläge angekündigt, was viele erst einmal nicht mitbekamen, weil einige Sender weiterhin Football-Spiele übertrugen. Derweil nahe Washington, auf der Interstate 270, ein Großaufgebot der Polizei zwei Mietlastwagen und damit den gesamten Verkehr zum Stehen brachte. Sondereinsatzkommandos, Spürhunde, kalte Angst. Doch die Fahrer hatten nur Lautsprecherboxen geladen.

So lebt es sich dieser Tage in Amerika: Man soll das Leben genießen und möglichst viel einkaufen, dabei aus dem Augenwinkel auf verdächtige Gestalten und Autos achten und sich abends vor dem Fernseher über Milzbrand, angeblich zielgenaue Raketen und Care-Pakete informieren lassen. "Mit Grüßen von der New Yorker Feuerwehr", haben Soldaten auf Bomben geschrieben, bevor die Kampfflugzeuge starteten. "Erdnussbutter und Marmelade sind auch drin", sagt der Militärkorrespondent und präsentiert ein gelb leuchtendes Essenspaket.

Ein Krieg mit derart wirren Signalen ist ein wenig zu viel für die kollektive Seele des Landes - auch wenn es nach außen hin unter der Fahne vereint scheint und 94 Prozent der Bürger die Militärschläge gegen Afghanistan unterstützen. Es ist eine Debatte darüber entfacht, wie das Land als Supermacht wahrgenommen wird, welche Risiken dieser Krieg birgt und wie es um den traditionellen amerikanischen Anspruch auf Moral bestellt ist.

Intellektuelle spielen dabei, sofern sie überhaupt wahrgenommen werden, die Rolle der Prügelknaben. Susan Sontags empörter Ausruf gegen die "falsche Einstimmigkeit der Kommentare" brachte ihr viel Häme ein. Der konservative Weekly Standard vergibt seither ein "Susan-Sontag-Zeugnis zur Anerkennung besonderer Dummheit von Intellektuellen". Sontag hatte geschrieben, die Angriffe der Terroristen seien kein "Angriff auf die Freiheit", sondern ein Angriff auf die Vereinigten Staaten gewesen, "als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen" der einzigen Supermacht. Das verstieß noch gegen das Verbot der Motivforschung - unter anderem postuliert im Wall Street Journal, dessen Kommentatoren den Patriotismus all jener in Frage stellten, die sich anschickten, die Beweggründe der Attentäter zu verstehen.

Verbale Hiebe gab es noch in dieser Woche für Stimmen wie der Barbara Kingsolvers, die ihre Abneigung gegenüber der amerikanischen Fahne kundtat. Die Fahne stehe für "Einschüchterung, Zensur, Gewalt, Sexismus und Homophobie", erklärte die Schriftstellerin in einem Beitrag für den San Francisco Chronicle. Vom Economist wurde sie daraufhin von einer "Bestsellerautorin" zur "führenden Feministin" degradiert, die demonstriere, wie groß der Graben zwischen Intellektuellen und der patriotischen Bevölkerung sei.

Kriege setzten in den USA immer eine "Dialektik der Solidarität in Gang", hat der Soziologe Richard Sennett nach dem 11. September gesagt. Diese Dialektik schwäche die Fähigkeit der Amerikaner, zu verstehen, was in der Welt außerhalb der Vereinigten Staaten vor sich geht.