Auf Djerba ist das Meer nie weit. Für die Frauen, die auf der tunesischen Insel zurückbleiben, während ihre Männer elf Monate im Jahr in Tunis arbeiten, bleibt das Meer unerreichbar wie die Freiheit. Nur einmal im Jahr, wenn die "Zeit der Männer" bevorsteht und die Frauen sich die Haare mit Henna färben, bekommt auch Aicha das Meer zu Gesicht. Aicha, früh verheiratet, ist im Haus ihrer Schwiegermutter mit anderen Frauen der Familie eingesperrt. Nur um die Haare auszuwaschen, dürfen die Frauen ins Wasser, doch was das Meer fortspült, ist die Trauer. Erlöst von der Schwiegermutter, die ihnen nicht gönnt, was ihr selbst in Folge einer langen frauenfeindlichen Tradition unmöglich war, blühen Aicha und ihre Leidensgenossinnen auf wie Seeanemonen auf einem kargen Riff. Ihr Lachen und ihre Sinnlichkeit trotzen der Gefangennahme durch Glauben und Familie, die die tunesische Regisseurin Moufida Tlatli in ihrem Film Zeit der Männer, Zeit der Frauen für mehrere Generationen beschreibt. Im Zentrum der von elegischen Rückblicken durchbrochenen Erzählung steht die Weberin Aicha, die mit kunstvollen Teppichen das Geschäft ihres Mannes ankurbelt. Nach Tunis soll ihm die Mutter zweier halbwüchsiger Töchter erst folgen dürfen, wenn sie einen Sohn gebiert.

Doch der kleine Aziz, der für Aicha der Schlüssel zur Welt wird, leidet an Autismus und wird vom Vater verstoßen. Die Zeit der Frauen beginnt, als Aicha mit ihren Kindern nach Djerba zurückkehrt. Das Haus der freudlosen Tradition wandelt sich zum Refugium. Quälende Erinnerungen geben den Blick frei auf das janusköpfige Erbe der erwachsenen Töchter. Schließlich sind es Frauen, die Frauen konditionieren und ihre Freiheit beschneiden. Aichas Töchter werden sich nicht in die Leidenskette fügen. Verheißungsvoller als ihre stille Revolte ist nur das letzte Bild, das den sonst so verstörten Aziz friedlich beim Weben zeigt - aufgegangen in einem weiblichen Universum, das Andersartigkeit, auch die der Männer, endlich zulassen kann.