Die Attentäter nannten ihr Vorgehen "Propaganda der Tat". Ihre Idee: Die verhassten Repräsentanten des Systems - Präsidenten, Bischöfe, Finanzleute, Polizeichefs - durch gezielte Anschläge zu beseitigen. Eine Hand voll entschlossener, zu allem bereiter Männer konnte so beweisen, dass der mächtige Gegner verwundbar war, und damit dem Volk Mut einflößen. Das Ziel: die massenhafte Erhebung der Arbeiterklasse.

Die beispiellose Welle terroristischer Anschläge, die Ende des 19.

Jahrhunderts Europa erschütterte, war zunächst die Antwort militanter Anarchisten auf die blutige Niederschlagung der Pariser Commune 1871 durch die französische Regierung unter dem Beistand preußischer Kanonen. Allein 1892 wurden in Westeuropa über tausend Attentate mit Dynamit gezählt (die meisten in Frankreich), doch auch im Osten kam es zu etlichen Anschlägen

1881 fiel Zar Alexander II. einer Bombe zum Opfer. Der wenige Jahre zuvor von dem Schweden Alfred Nobel erfundene Sprengstoff avancierte zum "Zaubermittel der Ausweglosen", und die "Dynamitarden" wurden zum Schrecken ihrer Zeit.

Mit einer Mischung aus Entsetzen, Nervenkitzel und heimlicher Bewunderung verfolgte Europa das neue Phänomen. Auflagenstarke Anarchoblätter verherrlichten die Anschläge, in Liedern und Legenden wurden der Typus des anarchiste expropriateur, des "anarchistischen Enteigners", zum Mythos verklärt, und nach dem Raubmörder und Bombenattentäter Claude Ravachol, der 1892 unter der Guillotine endete, wurde gar ein beliebter Modetanz benannt: La Ravachole.

Dass ausgerechnet das Dynamit zum Synonym des Terrors wurde, muss Alfred Nobel zutiefst irritiert haben. Vertrat er doch die Ansicht, mit seinen neu entwickelten Sprengstoffen sowohl dem Weltfrieden als auch der Sicherheit des Einzelnen zu dienen. Die Debatten um die moralische Verantwortung des Chemikers sah er ebenso mit Unbehagen und Unverständnis wie die Tatsache, dass er selbst zum Vorbild einer literarischen Figur wurde. So bedroht in dem 1896 erschienenen Roman des französischen Schriftstellers Jules Verne, Die Erfindung des Bösen, ein verrückter Chemiker die Menschheit

und im selben Jahr veröffentlichte Vernes Landsmann Émile Zola den Roman Paris, in dem ein Wissenschaftler aus politischen Motiven einen extrem brisanten Sprengstoff entwickelt.