Wie schön für Hans Eichel und die interventionsscheuen Grünen: Die Amerikaner brauchen unsere Soldaten nicht in ihrem "New War" gegen den Terrorismus. Ein paar deutsche Flugzeugbesatzungen über Amerika, logistische Hilfe, längere Bundeswehrstationierung auf dem Balkan, das scheint alles. Die Pentagon-Rechnungen kommen später, wenn überhaupt.

Wie schade für Rudolf Scharping und seinen ehrgeizigen Generalinspekteur Harald Kujat: Der Nato-Bündnisfall, den der Verteidigungsminister gar nicht abwarten konnte, taugt kaum noch als Drohargument zur Verstärkung des Verteidigungshaushalts. Eine Ad-hoc-Finanzspritze von 1,6 Milliarden Mark, finanziert aus der erhöhten Tabaksteuer, schließt die eklatante Haushaltslücke der geplanten Bundeswehrreform keineswegs. Kein Wunder, dass sich Kujat aus dem Staub macht - mitten in einer politischen Weltkrise setzt der oberste Berufssoldat des Landes seinen Karriereweg unbeirrt fort und zieht sich zurück in die höchste Etappe. Er wird, falls der Bundeskanzler dies nicht in letzter Minute verhindert - und er sollte es -, Vorsitzender des Nato-Militärausschusses in Brüssel.

Zurück bleibt ein Kujat-beschädigter Verteidigungsminister. Sein General, der nie auch nur eine Brigade geführt hatte und der 1982, als Kohl Kanzler wurde, aus der SPD austrat, hatte vor zwei Jahren den Primat der Politik an sich gerissen und nicht mehr abgegeben: Wie einst sein Kollege Klaus Naumann betrieb Kujat geschickte Pressepolitik, redete die Armee herunter auf das Niveau eines wehrlosen, finanziell ausgebluteten Haufens, bezeichnete die politische Führung des Ministeriums als "Chaosladen" und fiel zuletzt auch dem Kanzler mit der öffentlichen Be hauptung in den Rücken, die "Bundeswehr sei nicht in der Lage, unsere internationalen Verpflichtungen in Mazedonien zu erfüllen". Das ist die Rhetorik eines bewaffneten Zuwendungsempfängers, nicht diejenige eines loyalen Staatsdieners, der in der Bundeswehrhierarchie, so will es die Verfassung, lediglich an vierter Stelle steht - auch wenn er sich, wie Kujat, die Minister-Dienstwagennummer Y-1 gesichert hat. Er sei, sagte er bei Gelegenheit, nicht der Generalinspekteur des Verteidigungsministers, sondern der Bundesregierung. Den Kanzler dürfte das überrascht haben. Da wundert es auch nicht, dass der General den Offizieren der Bundeswehr Briefe schreibt, sie mögen sich für die Beibehaltung der Wehrpflicht einsetzen: Politische Handreichungen der Generalität aus dem Bendlerblock an die Truppe - so hatte man sich den "Bürger in Uniform" nicht vorgestellt.

Die Opposition hätte nicht schöner jammern können. Ob Kujats Klagen berechtigt sind, ist eine andere Sache. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, 1985, betrug der Haushalt des Verteidigungsministeriums 48,9 Milliarden Mark.

Inzwischen sind 400 000 russische Soldaten aus Deutschland abgezogen

der Etat liegt immer noch in gleicher Höhe. Die um zehn Jahre verspätete Bundeswehrmodernisierung führte den von Scharping berufenen General an die Spitze der Armee.

Weder der Minister noch die Fraktionsführer der Regierungskoalition haben es verstanden, eine öffentliche Debatte um die Zukunft der Armee so zu gestalten, dass sie des Rückhalts der Bevölkerung sicher sein konnte. Heftige moralische Auftritte des Außen- und des Verteidigungsministers im Bundestag während der Kosovo-Krise konnten die prinzipielle verteidigungspolitische Abstinenz der Regierungskoalition nicht übertünchen. Noch den Mazedonien-Einsatz lehnten die Deutschen mehrheitlich ab. Eine rationale, längst fällige Diskussion über den Sinn, die "Kriseneinsatzkräfte" der Bundeswehr auf 150 000 Mann aufzustocken, gibt es auch deshalb nicht, weil sich der Außen- und der Verteidigungsminister - vom Finanzminister ganz abgesehen - offenbar nicht befähigt sehen, ein gemeinsames sicherheitspolitisches, mit den Nato-Partnern abgestimmtes Reformkonzept vorzulegen, das wirklich finanzierbar ist. Man wurschtelt sich weiter durch die Tagesereignisse: ein paar Soldaten im Kosovo, Sanitäter auf Timor, Truppen in Mazedonien, demnächst vielleicht in Usbekistan, so geht's dahin.