Gäbe es nicht den ungewöhnlichen Werbungsaufwand vor Erscheinen des Buches von Lothar Machtan, würde es als Spezialstudie zu Hitlers Biografie vor allem von Zeithistorikern und Hitler-Adepten beachtet werden, aber schwerlich das Interesse der breiten Öffentlichkeit finden. Dass dieses Buch den Durchbruch zu einer grundlegend neuen Sicht des deutschen Diktators brächte, wie die Verlagswerbung unterstellt, ist schlechthin irreführend. Der Autor selber, der bislang durch solide Arbeiten über Bismarck hervorgetreten ist, macht davon Abstriche, indem er seine Studie als "empirisch gestützten Interpretationsvorschlag mit starker biografischer Gewichtung" bezeichnet.

Hinter dem Anspruch Machtans, "Hitlers Geheimnis" gelüftet und das "Doppelleben des Diktators" aufgedeckt zu haben, verbirgt sich die Hypothese, dass Hitler homosexuell veranlagt war, aber dies mit allen Mitteln zu verdecken bemüht gewesen sei. Nun ist die Annahme homosexueller Neigungen Hitlers nicht neu, und Zeitzeugen haben immer wieder Gerüchte in dieser Beziehung genährt. Machtan hat die diesbezüglichen Andeutungen, Denunziationen und Unterstellungen mit bemerkenswerter Akribie zusammengetragen. Er tendiert dazu, aus den unterschiedlich verlässlichen Befunden, die weitgehend auf dem Hörensagen beruhen, ein Mosaik zusammenzusetzen, das seine Hypothese stützen soll.

In Einzelfällen ergänzt er das von ihm präsentierte Material durch zusätzliche Quellenfunde, deren Zuverlässigkeit jedoch in der Regel fragwürdig ist, zumal sie vielfach nur indirekt überlieferte Berichte von Zeitzeugen enthalten. Auch die von Machtan herausgestellten Aussagen von Hitlers Kriegskameraden Hans Mend gehören dazu, abgesehen davon, dass auch sie über die Unterstellung homoerotischer Züge nicht hinausgehen. Der Autor neigt dazu, Quellen wie Willy Münzenbergs Weißbuch über die Erschießungen des 30. Juni 1934 oder Hermann Rauschnings Gespräche mit Hitler für seine These heranzuziehen, die eindeutig Fälschungen sind. Was die Motive Hitlers angeht, ist Machtan, da es keinerlei dokumentarische Evidenz gibt, auf Indizienbeweise angewiesen, und weicht weithin auf Hypothesen aus.

Die Auseinandersetzung mit Machtan bewegt sich auf drei Ebenen. Die erste betrifft die Frage, ob die Unterstellung der Homosexualität, abgesehen von der Schwierigkeit, sie von zeitgenössisch verbreiteten homoerotischen Neigungen präzise zu trennen, für Hitler überhaupt zutrifft. Die zweite Ebene bezieht sich auf die Frage, wie sich diese auf seine öffentliche Karriere auswirkten, die dritte, welche Relevanz sie für die politischen Entscheidungen des Parteiführers und Diktators gehabt haben. Schon was den Nachweis von Hitlers Homosexualität angeht, bewegt sich der Autor auf schütterem Boden, denn die Zeugnisse von Kubizek und Jetzinger, auf die er sich beruft, ebenso die Verweise auf Hitlers freundschaftliche Beziehungen zu Rudolf Häusler, mit dem er von Wien nach München überwechselte, sind nicht überzeugend und von Brigitte Hamann, die Hitlers Wiener Zeit eingehend dargestellt hat, widerlegt worden.

Gerüchte und Vermutungen

Ernst Schmidt, mit dem Hitler während des Krieges homosexuellen Kontakt gehabt haben soll, hat selbst kein Zeugnis hinterlassen. Die Hypothese beruht auf den Erinnerungen Mends und zeitgenössischen Gerüchten, doch geht die Beziehung zu Schmidt über eine homoerotische Freundschaft wohl nicht hinaus.

Die von Machtan geschilderten angeblichen Indizien und die Annahme, dass Hitler wegen der im Regiment "List" bekannten homosexuellen Neigungen nicht zum Unteroffizier befördert worden sei, sind ebenso wenig zwingend. Noch unglaubhafter ist, dass Hitler nicht zufällig von homosexuell eingestellten Offizieren - Ernst Röhm und Hauptmann Mayr - in der bayerischen Reichswehr gefördert worden sei und dass Dietrich Eckart, der unbezweifelbar einen maßgebenden ideologischen Einfluss auf Hitler ausübte, dies wegen gleichartiger homosexueller Neigungen getan habe. Das ist, bei Lichte betrachtet - abgesehen von einigen höchst fragwürdigen Zeugenaussagen in Otto von Lossows Geheimdossiers, die Eugen Dollmann überliefert hat und aus den Münchner Polizeiunterlagen stammen -, substanziell alles, was neben zahllosen späteren Gerüchten auf eine Homosexualität Hitler hindeutet.