Mehr als 3,9 Millionen Menschen ohne Arbeit zählte Deutschland im Herbst 1998, die Opposition sprach von einem "Offenbarungseid" der Regierung, der SPD-Vorsitzende sagte, dass es vor einer Bundestagswahl "noch nie" so viele Arbeitslose gegeben habe. Man werde es besser machen, gelobten die Sozialdemokraten.

An dieses Versprechen werden die rot-grünen Regierenden in diesen Tagen nicht gern erinnert. Die Arbeitslosigkeit steigt, im Winter dürfte sie die Vier-Millionen-Marke deutlich überschreiten. Dem Kanzler droht ein Horrorszenario: Womöglich wird die Zahl der Deutschen ohne Arbeit in zwölf Monaten sogar höher sein als zum Ende der Ära Kohl - so hoch wie nie vor einer Bundestagswahl.

Im Kanzleramt wächst die Nervosität. Die Haushaltssanierung steht auf der Kippe, der Effekt der Steuerreform verpufft, die Lohnnebenkosten drohen mit der Arbeitslosigkeit zu steigen. Nach außen gibt sich Schröder gelassen. Das Zauberwort dieser Tage heißt "noch": Noch weiß keiner, ob die Deutschen infolge der Terroranschläge tatsächlich weniger Geld ausgeben. Noch hoffen alle, dass die Europäische Zentralbank mit Zinssenkungen weiterhilft. Noch hat sich auch die mächtige IG Metall nicht auf eine Lohnforderung festgelegt - vor wenigen Wochen war noch von einer "knallharten" Tarifrunde die Rede. Inzwischen verlegt sich der Vorsitzende Klaus Zwickel auf moderate Töne.

Intern aber wird in Berlin längst an Konzepten gearbeitet, um den drohenden Absturz am Arbeitsmarkt zu verhindern. Von einer 25 Milliarden Mark schweren Konjunkturspritze ist die Rede und von Programmen für Jobs im Niedriglohnsektor. Selbst den deutschen Korporatismus will der Kanzler wieder zum Leben erwecken - durch eine Reaktivierung des Bündnisses für Arbeit. Aus Arbeitgeber- und Gewerkschaftskreisen ist zwar zu hören, in der Lohnrunde 2002 sei mit kurzen Laufzeiten bei den Tarifverträgen zu rechnen. Der Kanzler aber will die Tarifpartner dazu bewegen, künftig auf drei Jahre abzuschließen, um den Betrieben mehr Planungssicherheit zu geben.

Die Marke von 3,7 Millionen Arbeitslosen müsse um jeden Preis erreicht werden, heißt es in der SPD. Ob das bis zum Wahltag im Oktober 2002 gelingt, ist zweifelhaft. "Für das nächste Jahr hilft gar nichts mehr", urteilt Norbert Berthold, Ökonom an der Universität Würzburg. Schuld sind nicht nur die verkrusteten Strukturen am deutschen Arbeitsmarkt, schuld ist auch die schlappe Konjunktur, die durch die Folgen der Terroranschläge vom 11. September noch schlechter wird. Pessimisten wie das US-Investmenthaus Merrill Lynch rechnen damit, dass Deutschland im Herbst und Winter in die Rezession steuert. Für 2002 sei dann ein Plus von gerade 1,25 bis 1,6 Prozent zu erwarten, sagen die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten voraus, das kommende Woche veröffentlicht wird. Zusätzliche Arbeit gibt es erfahrungsgemäß aber erst dann, wenn beim Wachstum eine Zwei vor dem Komma steht.

Nicht gut für Schröder, noch schlechter für Deutschland. Der kränkelnde Wirtschaftsriese fällt weiter zurück. Während die Niederländer auf Vollbeschäftigung zusteuern und Frankreich, Belgien und Schweden Erfolge beim Abbau der Arbeitslosigkeit vermelden, steigt die Zahl der Deutschen ohne Job seit Jahresbeginn wieder. Einstellungsstopps sind die Regel, die Kurzarbeit nimmt zu, Nachrichten über Massenentlassungen machen die Runde - quer durch alle Branchen.

Am schlimmsten hat es den Bau erwischt; in diesem und im kommenden Jahr werden jeweils rund 100 000 Stellen wegfallen. Die Aussichten seien "grottenschlecht", sagt Heiko Stiepelmann, Geschäftsführer beim Hauptverband der Bauindustrie in Berlin, Baugewerkschaftschef Klaus Wiesehügel spricht von einem "grauenhaften Tief".