Wenn Regine Leibinger von sich und ihrer Arbeit erzählt, kommt ein Wort häufig vor: schaffen. "Schaffe" sagt sie, verschlampt den letzten Buchstaben und geht gleichzeitig am Wortende mit der Tonlage etwas hoch. Da schimmert die schwäbische Herkunft durch, auch noch nach 17 Jahren Berlin. "Schaffe, schaffe, Häusle baue!" Das ist genau das, was Regine Leibinger tagein, tagaus tut. Allerdings nicht die günstige Eigenheimvariante, die angeblich jeder ordentliche Schwabe im Sinn hat. Die Architektin baut ein paar Nummern größer.

Zum Beispiel hat sie die Blumenhalle für die diesjährige Bundesgartenschau in Potsdam entworfen, die nun zur Biosphäre, zu einer Regenwald-Erlebnis-Halle, umgestaltet wird. Oder eine von der Fachkritik hoch gelobte Laserfabrik in der Nähe von Stuttgart. Für Aufsehen gesorgt hätte sicherlich auch der amerikanische Expo-Pavillon in Hannover - hätten die USA ihre Teilnahme an der Weltausstellung nicht abgesagt, weil sich keine Investoren finden ließen. Die Ausstellungshalle ist nie gebaut worden. Eine Enttäuschung natürlich. "Das Schwierige an der Architektur ist ja, dass man alles so persönlich nimmt. Da gehen Misserfolge ganz besonders ans Herz", sagt die 38-Jährige. Aber den Kopf hängen lassen ist nicht ihre Art, sie stürzt sich lieber schnell in den nächsten Auftrag.

Erweckung in Harvard

Regine Leibinger arbeitet viel und für ihr Leben gern. Schon kurz nach der Geburt von Sohn Linus vor zehn Monaten war ihre Stimme wieder für einige Stunden am Tag in den hohen Räumen ihres Büros Barkow Leibinger Architekten in der Charlottenburger Schillerstraße zu hören. Die energische Frau mit dem dunkelbraunen Pagenkopf und den blauen Augen hat es in die Riege der wenigen Toparchitektinnen in Deutschland geschafft, zusammen mit Kolleginnen wie Charlotte Frank, Hilde Léon, Ulrike Lauber oder Louisa Hutton.

Wie die meisten dieser Aufsteigerinnen teilt sie den Erfolg mit einem Mann: Regine Leibingers Büropartner heißt Frank Barkow, ist Amerikaner - und ihr Ehemann. Eine unter Architekten durchaus übliche Kombination. Denn die Architektur ist ein selten hartes Geschäft - der Konkurrenzdruck ist groß, die Auftragslage schlechter denn je. Bei prestigeträchtigen Bauten ist nicht nur viel Geld im Spiel. Auch die Verantwortung ist groß. Und um die nicht allein zu schultern, gehen die meisten Architekten Büropartnerschaften ein. Die enorme Arbeitsbelastung, gerade bei großen und ruffördernden Projekten, ist ein weiterer Grund, weshalb so viele Architektinnen und Architekten beruflich und auch privat ein Paar sind. Regine Leibinger: "Am Anfang mussten wir wahnsinnig viel arbeiten, so sahen wir uns wenigstens ab und zu."

Solche Umstände zerstören schnell den Traum vom Abenteuer Architektur. Sich auf eine traditionelle Männerdomäne einzulassen, die besetzt ist von inzwischen meist altehrwürdigen Herren wie Günther Behnisch, Hans Kollhoff, Axel Schultes, Oswald Mathias Ungers oder Meinhard von Gerkan, nimmt vielen Frauen die Motivation, Karriere zu machen. Von den 5136 Mitgliedern des elitären Bundes Deutscher Architekten sind gerade mal 351 Frauen, und in der Bundesarchitektenkammer, dem Berufsverband der Architekten, sieht das Verhältnis genauso unausgewogen aus: Von rund 109 500 Architekten in Deutschland sind nur 19,6 Prozent Frauen. Ein irritierendes Ungleichgewicht, halten sich doch die Zahlen an den Universitäten noch ungefähr die Waage. Nach dem Diplom überlassen es aber viele junge Architektinnen den männlichen Kollegen, sich mit Bürogründung und Wettbewerben nach oben zu kämpfen. Die meisten von ihnen arbeiten für Architekturbüros, führen Aufträge für große Namen aus, bleiben selbst aber oft im Verborgenen.

Die Frage, warum es gerade in ihrer Branche Frauen so schwer fällt, die Karriereleiter zu erklimmen, hat Regine Leibinger lange Zeit nicht sonderlich interessiert. Mein Credo, sagt sie, lautete anfangs: Einfach nur gut sein, viel arbeiten und Spaß dabei haben. "Ich dachte, dass würde genügen, um erfolgreich zu sein. Inzwischen weiß ich, dass das naiv war, denn es braucht weit mehr - natürlich gehört auch Glück dazu -, um gute Architektur zu schaffen."