Murch: Im ursprünglichen Drehbuch von John Milius gab es einen Erzähler, einen inneren Monolog Willards. Doch später wurde beschlossen, auf die Stimme zu verzichten. Nur standen wir im August 1977 vor dem Dilemma, dass der Film in vier Monaten fertig werden und im Dezember ins Kino kommen sollte. Im Nachhinein ist klar, dass das unrealistisch war, aber damals dachte ich, wenn wir diesen Zeitplan irgendwie einhalten wollten, wäre das nur möglich, indem wir den Ich-Erzähler wieder einführten. Und deshalb habe ich den originalen Erzählertext vorgelesen, das aufgenommen und in den Ton einmontiert. Das schien notwendig, weil Willard eine ausgesprochen inaktive, unbestimmte Figur ist - wenn er schon nicht viel sagt und auch nichts weiter zu tun beabsichtigt, dann können wir sein Innenleben nur erkunden, wenn er sich uns als Ich-Erzähler mitteilt.

Ondaatje: Herr wurde wegen seines Buchs Dispatches beauftragt, den inneren Monolog neu zu schreiben, nicht wahr?

Murch: Und weil Milius sich an Artikeln von Herr im Esquire orientiert hat, als er das Drehbuch zu Apocalypse Now schrieb - aber ohne Herr davon zu informieren. Auf diesem Weg konnte man Michael Herr als Mitarbeiter an dem Film gewinnen und musste nicht befürchten, dass er plötzlich aufkreuzte und sagte: "Moment mal, Freunde! Das ist mein Stoff, was ihr da zeigt!" Zu guter Letzt hat er den ganzen inneren Monolog neu geschrieben.

Ondaatje: Stimmt es, dass ursprünglich George Lucas als Regisseur für den Film vorgesehen war?

Murch: Nach American Graffiti wollte Lucas Apocalypse Now machen und hatte mit Milius am Drehbuch gearbeitet. Das war um 1969 herum. Als Warner Bros. dann abwinkte, ließen sie das Projekt fallen. Das Thema war zu heiß, der Krieg war noch nicht zu Ende, es war ein unendlich schwieriges Projekt, das einfach nicht zu verwirklichen war. Und George überlegte sich, was er mit Apocalypse Now sagen wollte. Er wollte sagen, dass eine kleine Gruppe von Leuten nur durch die Kraft ihrer Überzeugung eine Großmacht besiegen kann. Er sagte sich: "Na gut, wenn das Thema politisch zu brisant ist, dann verfrachte ich die Geschichte eben in den Weltraum", und so entstand Star Wars als Georges übertragene Version von Apocalypse Now. Die Rebellen sind die Nordvietnamesen, und das Imperium steht für die USA, den Riesen, der den Zwerg nicht in die Knie zwingen kann. Erst nach dem zweiten Paten hat Francis die Idee zu Apocalypse Now wieder ausgegraben.

Ondaatje: Hat Brando bei den Dreharbeiten auf das Drehbuch Einfluss genommen?

Murch: Als er am Drehort auf den Philippinen erschien, beschwerte er sich über das Drehbuch. Es kam zu unangenehmen Auseinandersetzungen; verschärft wurde die Lage dadurch, dass er die Rolle eigentlich nicht spielen konnte, weil seine körperlichen Voraussetzungen nicht mit seinen Angaben übereinstimmten - er war schlicht zu fett. Schließlich sagte Francis: "Lesen Sie doch einfach Herz der Finsternis." Und er sagte: "Das habe ich gelesen, und ich finde es Scheiße." Wir mussten die Dreharbeiten für eine Woche aussetzen. Marlon und Francis waren auf einem Hausboot damit beschäftigt, die Sache auszutragen. Und irgendwann geriet Brando das Buch von Conrad versehentlich oder absichtlich in die Hände. Am nächsten Morgen erschien er mit kahl rasiertem Kopf und sagte: "Jetzt ist mir alles völlig klar." Er hatte das ursprüngliche Drehbuch von John Milius für Herz der Finsternis gehalten.