Johannes der Täufer ruht im Heiligen Wald. Grünspan wärmt seinen feuchten Leib. Oder das, was davon übrig geblieben ist. Krieg und Frost haben ihm Hand und Kopf weggesprengt. Auch Maria Magdalena liegt unter einer grünen Decke aus Moos und Flechten. Die beiden warten auf ihre Erweckung.

Immerhin 270 Jahre sind über die Skulpturen hinweggegangen, seit der barocke Bildhauer Matthias Bernard Braun sie im Auftrag des Grafen Sporck in den Sandstein schlug: heilige Figuren im Bickbeergestrüpp unter Buchen und Birken. Braun schuf ein biblisches Naturtheater mit Reliefs, Brunnen und Schalen mit Namen Bethlehem (Betlém).

Kuks liegt an der Elbe, die hier in Tschechien Labe heißt. So nah an ihrer Quelle im Riesengebirge ist die Labe ein Flüsschen. Das Wirtshaus ohne Namen am ansteigenden Ufer hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Bach, Vivaldi und die Crème des europäischen Adels sollen hier ein und aus gegangen sein. Jetzt kocht die böhmische Küche auf kleinerer Flamme, es gibt Pommes statt Knödel, und der kleine Pavel holt ein gezapftes Bier für seinen Vater.

Das oberwähnte Bad liegt an der Elbe Strande, in dem von der Natur beglackten Böhmer-Lande ...

Der Vater sitzt auf der Bank und schaut hinauf zu Franz Anton Sporcks barockem Spital. Die Seitenflügel sind frisch getüncht, nur der Mittelbau schaut noch grimmig grau aus. Als Graf Sporck den mächtigen Zwitter aus Schloss und Kloster im Jahr 1692 bauen ließ, war Kuks ein Flecken und hieß noch Kuckus. Im Bauerndorf im Osten Böhmens hatte man gerade Heilquellen entdeckt.

Franz Anton Sporck erbte den Adelstitel seines Vaters und ließ mit dessen großem Vermögen Anfang des 18. Jahrhunderts das Kuckus-Bad bauen. Ein Spital für 100 betagte Krieger von Adel. Am anderen Elbufer hatte es sich Graf Sporck im Schloss bequem gemacht. Seine illustren Gäste hockten in luxuriösen Bädern, die in Ufernähe aufgereiht waren. Sie ergingen sich in den französisch-ornamentalen Gärten oder wagten ein Tänzchen im Freien.

Man kühlt das heiße Bad, man wärmt das laue wieder, / Ein Jedes badet hier, solang es ihm beliebt, bis man sich wiederum in sein Gemach begiebt ...

Von der Pracht des alten Badeortes ist heute nicht mehr viel zu sehen.

Immerhin stellte Kuks in puncto Ausgelassenheit 30 Jahre lang das berühmte Franzensbad in den Schatten. Sogar der österreichische Kaiser Karl VI.

erholte seine müden Knochen hier und lauschte venezianischen Opern. Die im alten Stil gebauten Häuser sind schon wieder ergraut, die originalen wurden 1740 von einem Hochwasser fortgespült. Die Schlossreste wurden 1901 abgerissen. Kuks ist wieder ein Dorf mit rumpeliger Straße und hölzernen Riesengebirgshäusern.

Nur das Gasthaus zur Sonne steht noch von Linden beschattet und beherbergt heute eine Schule. Für fünfeinhalb Millionen Kronen (rund 320 000 Mark) ist es käuflich. Ein wunderbarer Ort für ein Hotel. Herkommannus, der steinerne Gigant mit Schwert und Rüstung, wartet noch immer davor. Einst war er farbig bemalt. Genauso wie die Tierfiguren und tanzenden Mädchenplastiken am Fuß der historischen Treppe, die das Hochwasser fortgerissen hat, die Zwerge, die jetzt in anderen Dörfern stehen oder noch im Hang verschüttet sind.

Das schöne Kuckus-Bad, wo Kunst und Anmut lacht ...

Kuks ist jenseits der Grenzen bekannter, sagt Ladislav Krizkovsky. Die Leute hier haben andere Probleme. Der Denkmalschützer ist als Hausherr des Spitals schon zehn Jahre vor Ort. Seit 30 Jahren steht das Areal unter Denkmalschutz, seit zwei Jahren ist es nationales Monument. Bethlehem, das biblische Naturtheater, gehört nicht dazu. Wenigstens die Dächer wurden in den letzten zehn Jahren erneuert und die ansehnliche Apotheke restauriert.

Europas zweitälteste Barockapotheke Zum Goldenen Granatapfel leuchtet sattgrün, rot und golden. In den Regalen lagern alte Wundermittel: Drachenblut, Eidechsenaugen, Mumienpulver. Nebenan ein Laboratorium und eine Seitenkapelle mit Schnitzereien für die Sporcksche Familie. Einen Besuch lohnt die Kirche der Dreifaltigkeit mit ihren kostbaren Malereien, farbigen Fenstern und korinthischen Säulen. Ein paar Mal im Jahr wird hier die Messe gelesen. Jetzt ziehen lärmend Schulklassen durch, Busladungen von Bildungsbürgern aus Deutschland und Polen.

Acht personifizierte Seligkeiten schauen steingrau hinunter in die Elbaue, zwei Todesengel und je zwölf weibliche Tugenden und Laster säumen die schattige Vorderfront des Spitals. Die Figuren sind Kopien

die ausdrucksvollen Originale stehen vor Wind und Wetter geschützt im Lapidarium, dem einstigen Siechenhaus.

Mag doch Iberien sein buon-Retori haben

/ Mag sich doch Gallien an Fontainebleau laben

/ Wo man Versailles gleich nicht genug zu rühmen weiß, / So bleibt dem Kuckse doch sein ganz besondrer Preis / Gesetzt, daß man auch sonst viel Pracht und Anmut schauet.

Den langen Gang auf der Südseite des Gebäudes zieren fragmentarische Wandmalereien. Eine Art Todesreigen in 53 Bildern. Während im Spital die Siechen auf das ausgelassene Treiben am anderen Ufer schauten, saß Graf Sporck in seinem Schlossgemach und blickte geradewegs in seine künftige Gruft, wo das ewige Lämpchen glühte.

Der Graf war darauf bedacht, der Landschaft seinen Stempel aufzudrücken.

Tolerant allen Religionen gegenüber und Herausgeber mehrerer Bücher, zog er den Zorn der Jesuiten auf sich und verschwand als Ketzer in einem Prager Verlies. Die Freilassung hatte er seinem Cousin Johann Rudolf, damals Weihbischof von Prag, zu verdanken. Sporck war Landschaftsgärtner und Zeremonienmeister der besseren Badegesellschaft von Kuks. Er führte nicht nur die Parforcejagd in Böhmen ein, sondern gründete auch den Hubertusorden. Sein Hauspoet Gottfried Benjamin Hancke widmete ihm 1724 das Jägerlied Auf, auf zum fröhlichen Jagen, auf in die grüne Heid!.

In der Prager Ausstellung Ruhm des barocken Böhmen wird Kuks als herausragendes Kunstwerk des Barocks bezeichnet. Bethlehem muss schleunigst unter Denkmalschutz gestellt werden. Nur noch neun Steinbilder von Braun sind vorhanden. Der Heilige Wald braucht Beschützer. Für Denkmalpfleger Krizkovsky reicht aber das Geld, das in die weitere Instandhaltung von Kuks gesteckt werden müsste, bei weitem nicht aus. So schnell wie möglich Weltkulturerbe der Unesco zu werden, das ist sein Ziel.

Die kursiv gesetzten Zitate stammen von Gottfried Benjamin Hancke: Gedichte, nebst den Neukirchener Satyrn von 1731

Information

Anreise: Mit dem Auto von Berlin über Dresden und Bad Schandau nach Dflcøn. Von dort über die Straße 13 nach Liberec, weiter auf den Straßen 35 und 300 nach Kuks in Ostböhmen (bei Dvur Kralove nad Labem/Königinhof an der Elbe).

Adresse: 54443 Kuks, Tschechien, Tel. 00420-437/63 21 61, Fax 437 632 136, E-Mail: sz.kuks@worldonline.cz. Die Führung durch das Spital kostet 100 Kronen (etwa 6 Mark).

Reiseführer: Tschechien (mit Karte), Baedeker, Ostfildern 2000, 357 S., 39,80 DM, Straßenkarte Tschechische Republik, Kümmerly + Frey, 1 : 500 000, 14,80 DM. Eva Gründel/Heinz Tomek: Tschechien, DuMont Richtig reisen, Köln 2001, 392 S., 44,- DM

Ausstellungen: Ruhm des barocken Böhmen. Kunst, Kultur und Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert. Die größte Teilausstellung Barock-Triumphe in der Bildergalerie der Prager Burg, Hradcanske Namesdi 15. Bis 28. Oktober geöffnet Di. bis So. 10 bis 18 Uhr. Weitere Ausstellungen in Böhmen: www.barokng.cz

Auskunft: Tschechische Zentrale für Tourismus (TZT), Karl-Liebknecht-Str. 34, 10178 Berlin, Tel./Fax: 030/204 47 70, www.visitczech.cz