Benedikt August von der Weide war einer der letzten Deutschen, die noch in der Deutschen Demokratischen Republik das Licht der Welt erblickten - im Frühherbst 1990. Einer von sieben, ohne Aura - und nichts deutete darauf hin, dass er im Leben Sonderwege gehen würde. Weder die Gene noch die Sterne kündeten von einer Ausnahmeerscheinung. Nicht immer lässt Größe sich voraussagen.

Über seine frühe Kindheit ist wenig zu berichten. Mit drei Monaten wurde er entwöhnt, von seinen Geschwistern getrennt und für 400 Mark an einen Lehrer in Ostberlin verkauft. Tagsüber musste der Lehrer lehren und ließ Benedikt deshalb in der Obhut seiner alten Mutter zurück. Schon damals zeigte Benedikt Anwandlungen von ungewöhnlichem Individualismus, und wenn der Lehrer nach getaner Arbeit erschöpft und verdrossen nach Hause kam, geriet er jedes Mal in ein Sperrfeuer von Klagen über Benedikt. Nach ein paar Wochen war er es leid. Er setzte eine Annonce in die Anzeigenzeitung Die Zweite Hand, und dort, zwischen Trabants, die immer billiger, und Ostimmobilien, die immer teurer wurden, entdeckte ein junges Pärchen aus Neukölln Benedikt - zum Schnupperpreis von 100 Mark. Die beiden nahmen ihn an die Leine und machten einen Spaziergang mit ihm, doch er riss sich los und raste in der Hauptverkehrszeit über die Karl-Marx-Allee - bei Rot. So geschah das erste Wunder in seinem Leben: Weder wurde Benedikt überfahren, noch verursachte er einen Unfall.

Am gleichen Abend nahmen ihm die jungen Leute das Halsband mit der Erkennungsmarke ab, luden ihn ins Auto und setzten ihn irgendwo im Stadtteil Grunewald ab. Benedikt kratzte höflich an der nächsten Tür und wurde hereingelassen. Sein Gastgeber beschäftigte sich einen Abend lang mit ihm und erkannte, was er an ihm hatte. Er nannte ihn Somersett, fälschte ihm einen Stammbaum und überließ sein weiteres Schicksal dem Anzeigenteil des Tagesspiegels. In der Woche darauf wurde unser Held als Luxusartikel für 800 Mark weiterverkauft und einem kleinen Jungen zum Geburtstag geschenkt. Ein kleineres Wunder: Ohne zu wissen, dass sein richtiger Name Benedikt war, taufte der Junge ihn Benny.

Benny war anders als die anderen, die anderen Berliner

Er war nun elf Monate alt, ein Teenager - schlank, mit schönem roten Fell.

Die Mode, größere, aerodynamische Setter zu züchten, war nie bis nach Ostdeutschland vorgedrungen. Benny war ein Kavalier, immer interessiert, die Damenwelt zu beschützen und zu beglücken, und gegenüber Kindern äußerst verantwortungsvoll. Jeden Abend patrouillierte er durch die Wohnung und steckte seine Schnauze in jedes Bett, um zu prüfen, ob es auch belegt war. So entwickelte er die Lebensgewohnheiten eines Stadtbewohners: schlafen, essen, Toilette, toben, die Kinder verabschieden, die zur Schule gehen, schlafen, essen, Toilette, toben, schlafen, die Kinder begrüßen, die aus der Schule kommen, essen, schlafen. Blieb ein Mitglied seiner Familie länger als zwei Stunden weg, war er untröstlich und erwartete die Rückkehr des Betreffenden an der Wohnungstür. Er konnte einen ganzen Monat lang warten. Anders als die meisten Berliner vermochte Benny sich auch über Dinge zu freuen, die mit Fußball oder Vaterland nichts zu tun hatten. Schon beim geringsten Anlass zur Freude geriet er aus dem Häuschen, sprang in die Luft und jubelte, dass den Leuten die Ohren wehtaten. Die Nachbarn konnten ihn deshalb bald nicht mehr leiden. Sie hatten keinen Sinn für seine Güte und interessierten sich nicht für seine Fähigkeit, Wunder zu wirken.

Andere Probleme kamen hinzu: Hinter jedem großen Mann steht eine Frau, die sich um den Haushalt kümmert. Benny brauchte im täglichen Leben ziemlich viel Beistand, und dabei hielt er sich natürlich an die Frauen. Mit Männern wurde gekämpft. Er hatte sie im Verdacht, sie wollten mit dem Hausmädchen abhauen, und knurrte, wenn sie näher kamen. Er war ein unerschrockener Demokrat - also galt es, das Party-Buffet unter den einfachen Leuten zu verteilen, und zwar vor der Party. Einmal vertilgte er aus politischen Gründen einen kompletten französischen Brie von fast einem Meter Durchmesser, der für einige verwöhnte Gäste angerichtet war. Ein andermal demonstrierte er, dass Geld ihm wenig bedeutete. Er zerstückelte einen Zwanzigmarkschein und ließ die Fetzen im Wohnzimmer liegen. Die Frauen freuten sich über seine Zuwendung, aber dass sie sich jeden Tag um ihn kümmern sollten, war ihnen lästig. Auch die Kinder weigerten sich, mit ihm spazieren zu gehen. Die Großstadt ist kein idealer Ort für einen Kerl mit so vielen Ideen und so viel Energie. Man erörterte die Frage, ob sich für Benny kein besserer Platz finden ließe.