Angst vor Rinderwahnsinn? Brennende Tierkadaver? Misstrauen im Supermarkt, Stillstand der Wurstmaschinen, Ministerrücktritte - war da was? Fast schon vergessen, die BSE-Krise. Dabei ist es nicht mal ein ganzes Jahr her, dass das erste infizierte Rind in Deutschland entdeckt wurde. Doch die Fleischverbrauchskurve ist schon nach kurzer Zeit wieder gestiegen - und die Aufmerksamkeitskurve sank im Gegenzug. Immerhin, es gibt Menschen und Institutionen, die am Thema bleiben.

"Jetzt hat der Verbraucherschutz endlich Gesicht und Adresse", tönten Politiker und Medien, als die kleine Abteilung aus dem Wirtschaftsressort zur frisch berufenen grünen Landwirtschaftsministerin Renate Künast versetzt wurde - ein Umzug, der das ganze Thema politisch aufwerten sollte. Der Satz passte auch auf eine andere Frau: Zeitgleich wurde die Umweltexpertin Edda Müller zur Chefin einer Organisation mit dem etwas holprigen Namen "Verbraucherzentrale Bundesverband" (vzbv) gekürt. Auch sie hat sich mittlerweile in Berlin etabliert, um den Interessen der Konsumenten mehr Schlagkraft zu verleihen.

16 Verbraucherzentralen und 18 Verbände - vom Hausfrauenbund über die Arbeiterwohlfahrt bis zum Verein Pro Bahn - hatten sich zum vzbv ursprünglich auf Drängen des Wirtschaftsministers zusammengetan; weil Werner Müller Zuschüsse sparen wollte. Edda Müller aber nutzt nun die Konzentration der Kräfte, um eine bisher verstreute Lobby, die sich weitgehend auf Informationsarbeit beschränkt hat, auch als politische Stimme unüberhörbar zu machen; um, wie sie sagt, von der ewigen Reparaturfunktion des Verbraucherschutzes endlich zur Vorsorge zu kommen.

Im giftgrün und blau karierten Rundbau namens "Pillbox" über der Kochstraße, der auch wie eine Pillendose aussieht, arbeiten jetzt rund 75 Juristen, Strategen, Forscher, Lebensmittel- und andere Experten unter einem Dach. Diese Adresse und Edda Müllers Gesicht sind bisher noch kaum aufgefallen. Dabei ist die zierliche 59-Jährige, durchaus spannungsträchtig, für Renate Künast zugleich Bündnispartnerin wie fordernd-kritische Gegenspielerin.

Doch als Erstes hat der David vzbv seine Schleuder gegen den Goliath Nahrungsmittelindustrie gespannt. Der Angriff auf dem Rechtsweg gilt dem "Missbrauch ländlicher Idyllen" in der Werbung: Schneeweiße Wolken, glückliche Mägde und ebenso glückliche Kühe auf fetten Almwiesen verzieren so manchen Quark- oder Jogurtbecher, dessen Inhalt tatsächlich von Tieren aus Massenhaltung und großindustriellen Chemieküchen stammt. " Und das ist Irreführung", sagt die Fachfrau Müller mit der ihr eigenen lakonischen Unzweideutigkeit und rügt weiter: "Oder >Mastgeflügel aus Bodenhaltung<: Auf dem Boden können auch Käfige stehen!"

Mit solchen Scheininformationen die Verbraucher zu locken, das sei, als "preise man ein Auto mit dem Hinweis an, dass es auch über ein Lenkrad verfügt." Nur schlimmer: weil bei Milch, Ei und Hühnchen die Täuschung hinzukommt, mit dem Kauf werde eine nachhaltige Landwirtschaft unterstützt. In Kürze will Müller die betreffenden Firmen öffentlich mit Namen anprangern. Ziel ist es, die ganze Lebensmittelkennzeichnung endlich ehrlich zu machen: "Wo Käfigei drin ist, muss auch Käfigei draufstehen." Und zwar europaweit, was die Sache nicht leichter macht.

Die Gewinnaussichten sind indes ungewiss: Die Illusionsmaschine Werbung kann sich viel erlauben; völlig unklar ist, ob ideelle Werte wie die Aura des Landes überhaupt justiziabel sind. Doch: "Wenn wir verlieren - auch gut", sagt Edda Müller, deren mädchenhaft leise Stimme im Widerspruch zu ihrer Nüchternheit steht. "Dann kriegen die Verbraucher das mal mit, und eine wichtige Debatte geht los."