Am Anfang steht das Chaos. Keine Zeitpläne, keine genauen Ziele. Wer mit Cem Özdemir unterwegs ist, muss eines mitbringen: Geduld. Der Bundestagsabgeordnete der Grünen kommt chronisch zu spät. Es ist Samstagabend, sieben Uhr, wir sind in Istanbul verabredet, um das Nachtleben zu erkunden. In der Lobby des Pera Palas tummeln sich Japaner, winken mit Dollar-Scheinen. In diesem Hotel pflegte einst die Krimiautorin Agatha Christie ihren Fünfuhrtee zu trinken. Auch Greta Garbo und Mata Hari stiegen hier ab, sogar Inge Meysel.

Einige der Marmorplatten auf dem Fußboden wackeln

sie erinnern an das Erdbeben vom 17. August 1999. Die Bodyguards des Politikers sitzen mit zwei seiner Freunde, Ali-Haydar und Yilmaz, auf dunkelroten Couchsesseln. Sie schauen auf die Uhr, schütteln genervt den Kopf und schlagen vor, noch einen Tee zu trinken. Warten auf eine Diva. Als die Teegläser geleert und in den Schalen mit Salzgebäck nur noch Krümel übrig sind, tritt Özdemir in die Halle. Acht Uhr. Özdemir grinst. Ist der Fahrer schon da?, fragt er. Seit einer Stunde, so wie wir, entgegnet Yilmaz lachend.

Özdemir, 35, der anatolische Schwabe, wie er sich selbst nennt, ist in Bad Urach geboren und Sohn türkischer Einwanderer. Als Kind lernte er Istanbul im Urlaub kennen. Seitdem bereist er die Stadt und stürzt sich ins Nachtleben, sooft es der Zeitplan zulässt. In Deutschland sei für Freizeit wenig Platz

Sitzungen, Büroarbeit und Diskussionen bis in die Abendstunden. Hobbys? Einen Augenblick stockt er. Ich habe ja mein Hobby zum Beruf gemacht. Aber wenn ich's schaffe, jogge ich oder lese. Ausgehen und Freunde treffen könne er erst nachts. Ich esse auch später. Eigentlich führe ich ein mediterranes Leben, sagt er, nur den Mittagsschlaf habe ich noch nicht einfügen können.

Der türkische Fahrer des Kleinbusses lässt den Motor an. Özdemir sitzt mit seinen Freunden und mir auf der Rückbank, blättert konzentriert durch das Adressbuch seines Handys und sagt etwas auf Türkisch. Langsam scheren wir aus. Stopp! Stopp!, ruft Ali-Haydar, beugt sich nach vorne und antwortet.

Der Fahrer bremst, nickt, sagt tamam, was so viel wie in Ordnung heißt, und fährt langsam weiter. Nein, wir wollten doch in das andere Restaurant, sagt Özdemir auf Deutsch und springt dann wieder in die Landessprache. Planlos in Istanbul. Das Auto hält wieder. Was ist denn los da hinten?, fragt ein Bodyguard vom Beifahrersitz. Streit, antwortet der andere schräg hinter ihm. Der Bundestagsabgeordnete und Ali-Haydar unterhalten sich auf Türkisch.