Baz Luhrmann ist ein Artist der Anmaßung. Er triumphiert, wo er sich zu viel herausnimmt, wo er über Gebühr aufstampft. Sein Effekt ist die Überschreitung. Das Publikum soll staunen: Donnerwetter, was der Luhrmann sich wieder leistet! Mit seinem ersten Film Strictly Ballroom hat er von diesem Gestus nur erzählt, danach hat er ihn zum formalen Prinzip erhoben. In Strictly Ballroom will der jugendliche Held einen Paartanz-Wettbewerb gewinnen. Mit seiner Partnerin erarbeitet er eine fantastische Cocktail-Choreografie aus verschiedenen Stilen, woraufhin die Hardliner-Jury ihn vom Parkett zu verbannen versucht mit starrem Blick auf die kodifizierten Schrittfolgen: "No new steps!" Schließlich trägt ihn der Jubel des Publikums doch aufs Podest, die Betonfraktion wird weggebuht, die new steps haben gesiegt.

In gewisser Weise tritt Luhrmann noch immer in diesem Wettbewerb an. Seine neueren Filme sind Schauläufe für das entflammbare Publikum und gegen die Puristen der Genrehygiene. Jedes verrückte Stück Kür soll zugleich den einen ins Herz und den anderen über den Mund fahren. Zwar sind längst alle new steps zugelassen, die Ordnungshüter haben abgedankt und der Popkultur freie Hand gelassen an der Mischbatterie. Aber die Freude an Luhrmanns Filmen wird weiterhin befeuert durch den geheimen Genuss an den letzten Zuckungen eines süßen Sündenbewusstseins: Heißa, wie respektlos. In William Shakespeare's Romeo & Julia musste die Originalsprache des Dichters sich in einer bonbonfarbenen MTV-Märchenwelt behaupten

die Boyz 'n' the Hood rappten den Blankvers des Oldschool-Dramatikers, bis die Funken sprühten. Anders gesagt: Luhrmann nimmt gern aus der Schachtel mit den klassischen Themen eines der ewigen Streichhölzer, jagt es mit beträchtlichem Schwung über die Reibefläche Popkultur, und der Film lodert auf.

Add more fuel to the fire - kipp' mehr Benzin ins Feuer, forderte ein programmatisches Werbebanner aus Romeo & Julia. Luhrmanns neuer Film Moulin Rouge folgt dieser verschwendungsseligen Direktive ohne viel Federlesens.

Über ein paar rohe Scheite vom populären Mythenstapel (Orpheus meets Eurydike zum Beispiel) wird reichlich Treibstoff gekippt und dann zwei Stunden lang abgefackelt. Diesmal treffen sich Streichholz und Reibefläche im "Summer of Love" 1898 rund um den legendär verruchten und verrüschten Pariser Nachtclub Moulin Rouge. Hierhin hat es den jungen Brit-Poeten Christian (Ewan McGregor) getrieben. Er schwärmt für die Liebe, obwohl er sie bisher nicht kosten konnte. Aber jetzt: Mit einer Bagage Bohemiens aus der Mansarde über ihm darf er die neue Show des Moulin Rouge konzipieren, und deren Mittelpunkt soll der Star des Etablissements sein, die edelblasse Femme fatale Satine (Nicole Kidman). Die wurde zwar dem hinterhältigen adligen Finanzier des Hauses vom Clubbetreiber Zidler ins Bett versprochen. Aber Satine, die schwindsüchtige Kurtisane, liebt nun einmal den armen Dichter Christian, bis dass ihr Tod sie beide scheidet noch in der Premierennacht.

Damit ist jetzt kein Geheimnis verraten, keine Überraschung vorweggenommen.

Den drohenden Tod seiner Heldin verkündet der Film selbst ungefähr in der fünften Minute. Das gehört zum Konzept des von Luhrmann so genannten Wide Awake Cinema, das wiederum verwandt ist mit dem Red Carpet Cinema (noch ein Luhrmann-Begriff). Das Hellwache- und das Roter-Teppich-Kino meinen im Grunde dasselbe: Hier soll nicht mit aller Kunstfertigkeit eine zweite Realität heraufbeschworen werden, in die sich der Zuschauer sodann hineinträumt.