Walter Murch ist für die Verhältnisse Hollywoods ein Kuriosum - ein gebildeter Intellektueller, ein Renaissancegelehrter mit unangefochtener Integrität im Zentrum so mancher kurzlebiger Stürme der Filmwelt. Bei Filmen wie American Graffiti, den drei Teilen des Paten, der Unerträglichen Leichtigkeit des Seins, dem Englischen Patienten und dem Talentierten Mr.

Ripley war er für Ton und Schnitt verantwortlich. Orson Welles' Im Zeichen des Bösen hat er unter Berücksichtigung der 58-seitigen Notiz des Autors, die von der Produktionsfirma ignoriert wurde, neu geschnitten, und mit Blink of an Eye hat er ein Buch geschrieben, das sich an Autoren und Leser ebenso wendet wie an Filmemacher und deren Publikum.

Als Schriftsteller verwende ich die letzten zwei Jahre der Beschäftigung mit jedem meiner Bücher darauf, den Text zu schneiden, zu montieren. Vier oder fünf Jahre kann ich wie ein Blinder tastend an meinem Buch schreiben, bevor ich die Gestalt des Gegenstands entdecke, den ich zu schaffen bemüht war.

Mein Schreiben scheint einem ähnlichen Prozess zu unterliegen wie die zwei Dokumentarfilme, die ich gedreht habe - monatelang oder jahrelang nehme ich alles auf, schreibe ich alles auf, und danach gebe ich alledem eine neue Form, bis es fast wie eine neu entdeckte Geschichte aussieht. Und manchmal entdeckt man erst dann den moralischen Gestus oder Gehalt einer Arbeit.

Während der Verfilmung meines Romans Der englische Patient konnte ich als Zaungast Walter Murch bei der Arbeit beobachten, und dabei stellte ich fest, dass von den verschiedenen Stufen des Filmemachens das Schneiden dem Schreiben als solchem am nächsten kommt. Im Frühjahr 2000 begann Murch auf Anregung Francis Coppolas mit dem Neuschnitt von Apocalypse Now

von 1977 bis 1979 hatte er als Sound-Designer und Co-Editor an der Erstfassung dieses Films mitgearbeitet. Und 20 Jahre später wurden alle unbenutzten und verworfenen Bild- und Tonaufnahmen aus den klimatisierten Gewölben in Pennsylvania, in denen sie geruht hatten, zutage gefördert und erneut in Betracht gezogen. Apocalypse Now hat als Film mythologische Dimensionen angenommen und sich in unser aller Unterbewusstsein eingenistet

das "Entkernen" und Wiedererrichten eines so genannten Klassikers war für die Beteiligten nicht unproblematisch.