Der französische Biologe und Klangbastler Jacques Rémus ist seit seiner Kindheit fasziniert von allem, was sich um sich selbst dreht. Deshalb hat er für die Donaueschinger Musiktage ein Karussell gebaut. Es hat die Größe eines Kinderkarussells, steht auf einem Parkplatz gegenüber dem Bahnhof und bringt der Neue-Musik-Gemeinde ein neues Lebensgefühl nahe - den Übermut der Kirmeswelt und den kleinen Schwindel der Juxplatz-Attraktion. Es funktioniert wie eine riesige Musikwalze. An der Außenseite sind Batterien von Schlaginstrumenten angebracht, Becken, Snare-Drums, große Trommeln, die durch verstellbare Holzstachel zum Klingen gebracht werden. Überall unterm Dach hängen Röhrenglocken, die mithilfe von Magnetimpulsen angeklöppelt werden. Beginnt sich das Karussell zu drehen, heben laut lärmende Polter- und Schepperrhythmen an, kurios rattert das Glockenspiel. Auf der leeren Holzscheibe im Inneren des Karussells laufen Musiker, die die Holzstachel verstellen und so die Rhythmusfolgen variieren. Gleichzeitig steuern sie die Glockenklänge mit Handbewegungen in der Luft.

Aberwitzige polyrhythmische Überlagerungen entstehen, den irr laufenden Klavierwalzen des amerikanischen Komponisten Conlon Nancarrow nicht unähnlich. Die Musiker wuseln über die Holzscheibe und tanzen zu den löchrigen, periodischen Klangmustern, geben wilde Perkussionseinlagen auf Alltagsgegenständen und improvisieren mit mikrofonverstärkten Stimmlauten. Und wenn das Karussell richtig in Fahrt kommt, kippt die Musik schier aus der Kurve.

Die Maschine von Jacques Rémus ist kein großes Kunstwerk, eher die fröhlich spektakelnde Bastelarbeit eines genialen Dilettanten. Aber bei den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen gehörte sie trotzdem zu den Attraktionen - weil sie all die anderen hochfliegenden, bedeutungsschwer daherkommenden kompositorischen Elaborate mit dem vital klappernden Charme des niederen Musikantentums unterläuft.

Im Grunde genommen funktioniert auch das ganze Uraufführungsfestival nach dem Karussellprinzip. Der künstlerische Leiter Armin Köhler gibt die Fahrchips aus, und die jungen Komponisten dürfen glücklich eine Runde drehen auf dem Traditionsvehikel, auf dem irgendwann in jungen Jahren fast alle großen Komponisten des 20. Jahrhunderts einmal mitgefahren sind. Donaueschingen hat diesen unschlagbaren Nostalgiewert: Es dreht sich immer noch, obwohl die starken Antriebsriemen der Nachkriegsmoderne längst ausgeleiert sind und überall der Lack abblättert, obwohl die schönen Holzrösser der Avantgarde dicke Patina angesetzt haben und die Alarmglocke des Feuerwehrautos schon lange nicht mehr funktioniert. Trotzdem wähnen sich die Komponisten, die eins der begehrten Tickets ergattert haben, auf großer Fahrt. Über das Neue in der Kunst, wie es musikalisch zu finden und wie es zu erhören sei, wird bei den Musiktagen immer mit Emphase diskutiert. Die Nase im Fahrtwind, glaubt man voranzukommen. Aber oft genug bekommt die verschworene Donaueschingen-Gemeinde auch die bittere Erkenntnis zu spüren, dass sich das stolze Uraufführungskarussell nur im Kreis dreht, dass der Apparat routiniert vor sich hin orgelt und die morschen Holzplanken unter den Rädern jedes Jahr an den gleichen Stellen bollern. Das nervt. Das deprimiert. Aber selbst solche Fundamentalkritik an den Verhältnissen gehört inzwischen zu den Karussellschleifen, die Jahr für Jahr bei den Musiktagen gezogen werden.

Vielleicht laden die Verantwortlichen ja nur die falschen Komponisten ein. Vielleicht hat aber auch der Philosoph Boris Groys Recht, der in einem Programmheftinterview erklärt, wie sich das Neue weg von der Produktion, hin zur Ebene der Wahrnehmung verlagert hat und dementsprechend den Kontexten der Kunstpräsentationen eine viel größere Rolle zukommt. Über alle sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Musik heute zirkuliere, müsse ganz neu nachgedacht werden, fordert Groys. Das freilich hieße, das ehrwürdige Donaueschinger Karussell grundsätzlich anzuhalten und sich vom lieb gewonnenen, rituellen Gleichklang zu verabschieden, den die bewährten Präsentationsformen und Aufführungsorte hervorbringen.

Auch schön: Der intime Tonkuss

So pessimistisch und unversöhnlich argumentiert freilich vor allem, wer bei den Musiktagen gerade einen bedenklich schwachen Jahrgang erlebt hat. All das liebevoll Vermurkste, großkotzig Vergeigte oder kleinmütig sich Verzettelnde auszuhalten gehört bei jedem Uraufführungsfestival zu den Mühen der Ebene, die am Ende womöglich doch noch mit einer Stückentdeckung entlohnt werden. In diesem Jahr allerdings waren die (allesamt ausverkauften) Konzerte besonders entbehrungsreich.