Wenn dieser Artikel erscheint, haben die Waffen schon geantwortet: auf Afghanistan, das Taliban-Regime, Osama bin Laden und seine Leute. Ob dieser oder jene, scheint ohnehin gleich zu sein. Aber zu dieser militärischen Inszenierung zu schweigen, an der wir selbst als Darsteller beteiligt sind - es geht auch um unsere Zukunft -, wäre ein schwerwiegendes Versäumnis. Denn es bedeutet die Akzeptanz der wiederholt proklamierten Kriegspläne der amerikanischen Regierung und der Forderung der Bürger nach "Rache". Wer dem widerspricht, der wird fast schon als Verräter betrachtet und argwöhnisch beobachtet, ja sogar überwacht.

Die offizielle westliche Zustimmung durch Schweigen, vor allem seitens der europäischen Länder, trifft mich tief in der Seele und sollte uns alle mit Verzweiflung erfüllen. Man hört große Debatten, man äußert die Übereinstimmung in wichtigen Grundsätzen, aber die Antwort mit Gewalt wird nicht nur geduldet, sondern sogar gutgeheißen.

Dass die Vereinigten Staaten so reagieren würden, wie sie es angekündigt haben - Invasion Afghanistans, Kommandoaktionen, Bombardements, Geheimoperationen -, war vorauszusehen, nicht aber, dass alle sich dem kopflos unterwerfen würden. Es ist besorgniserregend, dass Länder wie Frankreich oder Spanien nicht die Stimme erhoben haben, um deutlich vernehmbar nein zu sagen; dass sie sich nicht geweigert haben, die gewaltsame Lösung als die einzig mögliche zu akzeptieren; dass sie es versäumt haben, die große Lüge von der "Endlösung" des Terrorismusproblems zu entlarven. Das bedrückt mich sehr.

Es ist doch wohl kaum möglich, dass mein Land, das unter dem Terrorismus seit mehr als 30 Jahren leidet und in dem täglich gepredigt wird, der Kampf gegen den Terror dürfe nur im Rahmen der Legalität und mit Mitteln des Rechtsstaats geführt werden, dass dieses Land sich jetzt den Stahlhelm aufsetzt und uneingeschränkten Beistand bei einem Bombardement ins Leere, einem Massaker der Armut, einem Angriff auf die elementarste Logik beschlossen hat. Und das, wo hinreichend bekannt ist, dass durch Gewalt wiederum Gewalt gezüchtet wird und die Spirale des Terrorismus, der verschiedenen Arten von Terrorismus, hochgeschraubt wird.

Denn Terrorismus ist nicht gleich Terrorismus, weder in seiner Entstehung noch seiner Entwicklung oder Zielsetzung. Der Terrorismus nährt sich von der wachsenden Zahl von Toten, egal, welcher Hautfarbe. Diese steigenden Opferzahlen sorgen für die Rechtfertigung der Gewalttaten, ja, sie verschaffen dem Terrorismus sogar die "Legitimität" für die Fortsetzung seiner verbrecherischen Aktionen.

Jemand hat einmal gesagt, der Terrorismus, besonders der fundamentalistisch-islamische, sei eine diffuse Bedrohung. Vor allem aber ist er schon seit einiger Zeit eine besorgniserregende und grausame Realität. Es handelt sich um ein Phänomen, zu dem besonders die westlichen Länder - auf deren "Überlegenheit" (wie es Italiens Premierminister Berlusconi bedauerlicherweise formuliert hat) man sich nicht verlassen sollte - durch ihre mangelnde Kompromissbereitschaft beigetragen haben. Beigetragen haben wir dazu mit unserem Beharren auf dem Unterschied, auf der Durchsetzung des "unseren" gegen das "andere" und mit der Ablehnung gegen alles, was nicht so ist wie in unserer Kultur oder in unserer "zivilisierten Religion".

Der Westen und seine politischen, militärischen, sozialen und wirtschaftlichen Hierarchien waren viel zu sehr beschäftigt mit den rücksichtslosen und schamlosen Ritualen der Produktion, Spekulation und Gewinnerzielung, als dass sie sich einer angemessenen Umverteilung des Wohlstandes und des sozialen Ausgleichs hätten widmen können. Statt einer Sozialpolitik, in der Randgruppen gezüchtet werden, hätte man die Integration aller Völker anstreben sollen, unter anderem mit einer fortschrittlichen und solidarischen Einwanderungspolitik. Anstelle der Auslandsverschuldung hätte man für den Aufbau von finanziellen Mitteln sorgen sollen, und zwar für die Länder, die jetzt um Hilfe oder Verständnis gebeten werden, beziehungsweise für die Länder, die jetzt mit Krieg bedroht werden, mit "unendlicher Gerechtigkeit" oder dauerhaftem Frieden. Diese bewussten Versäumnisse haben dazu beigetragen, dass man sich jetzt mit den furchtbaren Folgen einer extrem irrationalen und fanatisch religiösen Gewalt auseinander setzen muss.