Für Mary O'Rourke basiert das System auf einer "perversen Logik". Eine Fluggesellschaft müsse erst Gläubigerschutz beantragen, bevor der Staat einschreite und rette, was noch zu retten sei, empörte sie sich in der vergangenen Woche. Dabei stünden Arbeitsplätze und Flugverbindungen auf dem Spiel, die es unter allen Umständen zu erhalten gelte.

Die irische Ministerin, zuständig für die Staatsbetriebe des Landes, beschwerte sich nicht etwa über das Management der Fluggesellschaft Aer Lingus, die seit Jahren vor sich hin kriselt und seit dem 11. September so sehr in Schwierigkeiten steckt, dass O'Rourke mit Steuergeldern bereitsteht, um Schlimmeres zu verhindern. Die Ministerin fuhr die Breitseite gegen ihre Kollegin Loyola de Palacio, Kommissarin für Transport und Energie der Europäischen Union. De Palacio hatte auf die geltenden Beihilferichtlinien der EU hingewiesen. Die besagen, dass die Regierungen nicht einfach ihre nationalen Fluggesellschaften nach Belieben durchfüttern dürfen, sondern jede Hilfe an Auflagen gebunden ist. Trotzdem wollen viele Regierungen anderer Länder, beispielsweise Italiens, Frankreichs, Irlands, Portugals, Belgiens und der Schweiz, ihren heimischen Fluggesellschaften nach alter Tradition - erlaubt oder nicht - mit Staatshilfen unter die Flügel greifen.

Nur wenige werden überleben

Die europäischen Fluggesellschaften müssen sich nämlich auf eine niederschmetternde Bilanz gefasst machen. Einer kurzfristig erhobenen Statistik der Association of European Airlines (AEA) zufolge ging der Verkehr der Mitglieder in der letzten September- und der ersten Oktoberwoche um fast 20 Prozent zurück. Auf den Transatlantikstrecken betrug der Rückgang sogar rund ein Drittel. Die Auslastung sank um zehn Prozentpunkte, obwohl die Fluggesellschaften über 100 Maschinen stilllegten. Die Zahlen im Oktober sind noch schlechter als für die Woche unmittelbar nach den Anschlägen. Der Grund: Viele Passagiere konnten ihre Reisepläne nicht kurzfristig ändern, verzichteten aber auf neue Geschäftsreisen.

Nach Ansicht von Lufthansa-Chef Jürgen Weber werden in einem solchen Geschäftsklima nur British Airways, Air France und sein eigenes Unternehmen als weltweit aktive europäische Fluggesellschaften übrig bleiben. Darin ist er sich mit BA-Chef Rod Eddington einig. Eddington lancierte am vergangenen Wochenende zudem via BBC die Neuigkeit, seine Airline habe unter anderem mit KLM, aber auch einigen anderen Fluglinien Verhandlungen über eine mögliche Kooperation aufgenommen. Laut Sunday Business könnten die Gespräche mit KLM sogar in Fusionsverhandlungen münden, was die niederländische Airline aber bestreitet. Bereits im vergangenen Jahr hatten BA und KLM eine Fusion versucht, sich aber nicht über die Führung der neuen Gesellschaft geeinigt. Es sei traurig, dass offensichtlich ein Anlass wie die Terroranschläge in den USA nötig gewesen sei, um die Konsolidierung der europäischen Luftverkehrsindustrie voranzutreiben, sagt Chris Tarry, Airline-Analyst bei Commerzbank Securities in London.

In einer Branchenstudie gehen die Analysten von Credit Suisse First Boston (CSFB) davon aus, dass Lufthansa, British Airways und Air France im Vergleich zur Konkurrenz in der aktuellen Lage profitieren werden - zusammen mit Billigfluggesellschaften wie Ryanair oder easyJet. Dagegen würden mittelgroße Airlines wie Aer Lingus Marktanteile verlieren. Auch die kleinen Gesellschaften würden voraussichtlich nur mit Staatshilfen überleben und womöglich nach einigen Jahren - trotz der Überkapazitäten - wieder expandieren.

Selbst die seit langem privatisierte und sanierte Lufthansa befindet sich zurzeit in einer einzigartigen Krise. Laut Passage-Vorstand Wolfgang Mayrhuber ist die Lage des Unternehmens "dramatischer, als wir das selber noch vor Wochen erwartet haben". Pro Tag fehlen der Airline rund 30 000 Passagiere, ein Einbruch von rund 20 Prozent. Und diejenigen, die trotz allem nicht auf Reisen verzichten, buchen statt der teuren Business- nur noch Economyclass. Viele Flüge lassen sich aber für die Fluggesellschaften nur profitabel gestalten, wenn es zu den Billigtickets ein Gegengewicht aus den teuren Buchungsklassen gibt. Die beiden Faktoren summieren sich für die Lufthansa zu Mindereinnahmen von 50 Millionen Euro - pro Woche. Dies sei durch "normale Kosten- und Programmsenkungsmaßnahmen nicht mehr aufzufangen", so Mayrhuber. Überall müssten die Kosten drastisch gesenkt werden, sonst sei allein bei Passage Airline bis zu einem Viertel aller Arbeitsplätze bedroht.