Vielen Menschen ist die Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre so fremd wie der Dreißigjährige Krieg. Auch wenn man weiß, dass die große Depression zu Rekordarbeitslosigkeit führte und eine Reihe europäischer Demokratien zum Untergang verurteilte: Kaum jemand erinnert sich persönlich daran, und nur die wenigsten fürchten heute eine Weltwirtschaftskrise - trotz des Wachstumseinbruchs in den USA und Europa, trotz der Terrorangriffe des 11. September und trotz der Kursverluste an den Börsen. Doch genau diese Sorglosigkeit ist beunruhigend.

Der Wirtschaftseinbruch in der großen Depression war gewaltig. Während in normalen Rezessionen die Wirtschaftsleistung fast nie um mehr als 3 bis 5 Prozent fällt, ging das Bruttosozialprodukt der sieben größten Industrienationen zwischen 1929 und 1932 um 20 Prozent zurück. Die Industrieproduktion in Deutschland und den USA sank um fast die Hälfte. In beiden Ländern waren in den Jahren 1930 bis 1938 zwischen einem Viertel und einem Fünftel aller Beschäftigten in der Industrie arbeitslos. Niemand hatte mit dieser Katastrophe gerechnet: Nach dem Börsencrash 1929 gingen selbst erfahrene Wirtschaftsbeobachter davon aus, dass es allenfalls zu einer Wiederholung der Rezessionen von 1893/94 oder 1921 kommen würde. Die Börsenkurse zogen schnell wieder an - wie sie es auch nach dem 11. September 2001 getan haben (siehe Grafik). Bis spät in das Jahr 1931 hinein sprachen Experten von einer unmittelbar bevorstehenden Wiederbelebung der Wirtschaft - ähnlich wie heute. Tatsächlich aber ging das Bruttosozialprodukt in den USA zwischen 1931 und 1932 noch einmal drastisch zurück.

Es sind die Fehlentscheidungen der Wirtschaftspolitik, die aus normalen Rezessionen ökonomische Desaster wie die große Depression werden lassen. Drei Faktoren waren entscheidend dafür, dass aus einem normalen, zyklischen Abschwung in den späten 1920er Jahren eine der größten Katastrophen der Wirtschaftsgeschichte wurde. Und genau diese Faktoren sind auch heute, nach den Terroranschlägen in den USA, wieder entscheidend, wenn es darum geht, ob sich die Wirtschaft erholt oder in ein tiefes Tal stürzt.

Der erste Faktor: Die Instrumentalisierung der Krise und der "Wahlzyklus".

Vielen Politikern in den dreißiger Jahren erschien die große Depression als Gelegenheit zur Bereinigung der Wirtschaft von hohen Lohnkosten und Vorratslagern, von Konsumdenken und moralischem Verfall. In Deutschland wurde die Krise von Reichskanzler Heinrich Brüning genutzt, um die Reparationen zu beseitigen - als greifbarer Nachweis, dass das Reich nicht zahlen konnte. Erst für die Zeit nach dem Ende der Reparationen waren eine Abwertung der Reichsmark und andere stimulierende Maßnahmen geplant. In den USA glaubte man, selbst eine Panik habe gute Seiten. "Sie wird die Verrottung des Systems beseitigen", sagte Andrew Mellon, amerikanischer Finanzminister unter Präsident Hoover, "die Leute werden härter arbeiten, ein moralischeres Leben führen."

Warten bis zur nächsten Wahl

Heute wird in den USA die Krise von der Regierung Bush dazu benutzt, die Veränderung des Steuersystems zugunsten der Oberschicht und der Wirtschaft zu beschleunigen. Vom geplanten "Konjunkturprogramm" sollen nach den Plänen der Republikaner im Kongress rund 70 Milliarden Dollar für Steuerentlastungen bei der Wirtschaft und 30 Milliarden für Senkungen der Steuern für Privatpersonen verwandt werden. Doch niedrigere Steuern allein werden den Konsum kaum anheizen. Und Steuersenkungen für Firmen wirken nur begrenzt, solange die Kapazitätsauslastung in den USA wie derzeit um die 75 Prozent liegt.