Eine solche Koalition hat es noch nicht gegeben. Ole von Beust, Hoffnungsträger von einst und im zweiten Anlauf auf 26,2 Prozent gestutzter CDU-Spitzenkandidat, wird Hamburg von der kommenden Woche an als Erster Bürgermeister regieren. An seiner Seite zwei Unerfahrene: Konteradmiral Rudolf Lange und Amtsrichter Ronald Schill. Der Admiral ist erst im vergangenen Jahr in die FDP eingetreten. Der Richter hat vor 16 Monaten seinen eigenen Wahlverein gegründet. Parlamentarische Erfahrung haben beide nicht. Über die verfügt dafür Ole von Beust. Er sitzt bereits seit 23 Jahren in der Hamburger Bürgerschaft. In der Opposition.

Eine solche Koalition hat es noch nicht gegeben, und nichts, aber auch gar nichts deutete darauf hin, dass ausgerechnet von Beust einmal ein solches Bündnis wagen würde. Vor vier Jahren, als er zum ersten Mal in Hamburg für das Spitzenamt kandidierte, warb er noch um die Grünen. In den überregionalen Nachrichten tauchte der Christdemokrat in der Vergangenheit auf, weil er in seiner Partei auffällig liberale Positionen vertrat. Beust war nett und erfolglos. Nun tanzt er mit Schill, dem "gnadenlosen" Rechtsausleger, über den der Dritte im Bunde, der Liberale Lange, einmal gesagt hat, er sei ein "Rattenfänger".

Skrupellos, wie es sonst nur die Art seines Altersgenossen Roland Koch ist, griff Ole von Beust nach dem Strohhalm, der ihm das politische Überleben sicherte - kurz bevor ihn das 24. Jahr in der Opposition endgültig zum Gescheiterten gestempelt hätte. Beinahe gescheitert wäre auch Rudolf Lange. Nur mit Mühe konnte der FDP-Chef und designierte Schulsenator seinen Parteifreunden das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen vermitteln: Nur ein Senatorenposten, das war ihnen zu wenig. Eine sichere Grundlage für eine Regierung ist, alles in allem, nicht leicht zu erkennen.

Dabei ist der Auftakt des so genannten Bürgerblocks sogar ganz gut gelungen - sieht man von einigen personalpolitischen Ungeschicklichkeiten ab, zum Beispiel dem vorzeitigen Handel mit Nike Wagner als Kultursenatorin. Überraschend schnell hat das Thema Innere Sicherheit an Reiz verloren. Dafür finden sich an anderer Stelle im Koalitionsvertrag zarte Ansätze für moderate Reformen.

Das gilt für die Hochschulen, für die der parteilose Jörg Dräger künftig als Senator verantwortlich zeichnet. Die Zeit der Klassenkämpfe in der Hochschulpolitik sei zwar vorbei, sagt der quirlige Wissenschaftsmanager und lobt demonstrativ seine Vorgängerin, die Grüne Krista Sager. Doch Dräger will eigene Duftmarken setzen. Neue Rechtsformen für die staatlich verwalteten Hochschulen will er prüfen. Die Universitäten sollen in Zukunft ihre Studenten selbst aussuchen. Langzeitstudierende müssen demnächst in Hamburg ähnlich wie in Baden-Württemberg Gebühren bezahlen. Darüber hinaus hat die neue Koalition ein ehrgeiziges Versprechen abgegeben: Sparauflagen sollen abgeschafft, die strukturelle Unterfinanzierung insbesondere der Universität soll aufgehoben werden. Forsch klingen auch die Vorhaben der neuen Koalition für die Schulen. 400 neue Lehrer sind bis zum Jahr 2005 zugesagt. Mindestens drei Ganztagsschulen ab Klasse 5 wollen Lange, von Beust und Schill pro Jahr neu einrichten. Gelingt es der Mitte-rechts-Koalition, diese Versprechen trotz eines Schuldenbergs von 35 Milliarden Mark in die Tat umzusetzen, dürfte ihr sogar der Beifall der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sicher sein.

Die unsichere Haushaltslage macht indes auch andere vernünftige Ankündigungen ungewiss. Weil die CDU in Hamburg ihr Image als Familienpartei aufbessern will, sollen die Elternbeiträge für Kindergartenplätze sinken. Und weil der neue Senat auf keinen Fall in den Verdacht der Ausländerfeindlichkeit geraten möchte, dürfen sich Kinder nichtdeutscher Herkunft bereits im Kindergarten über Sprachkurse freuen. Über die Kosten dieser Politik schweigt der Koalitionsvertrag. Den fälligen Kassensturz hat von Beust auf die Zeit nach seiner Wahl in der Bürgerschaft verschoben. Vorsorglich hat er eine Hintertür offen gehalten. Er erwarte "mit Befürchtungen" die Steuerschätzung im November, ließ er die Parteifreunde wissen. "Die eigentlichen Bewährungsproben stehen noch bevor."

Wie eng der finanzielle Spielraum tatsächlich ist, hat am deutlichsten Lautsprecher Schill in den Koalitionsverhandlungen erfahren. Keine Rede ist mehr von den 2000 Polizisten, die der künftige Innensenator gefordert hatte. Lediglich 250 neue Stellen im Innendienst soll es geben. 50 Millionen Mark, immerhin, sind für die Ausbildung von neuen Polizisten vorgesehen. "Politik ist die Kunst des Kompromisses", hat Schill erkannt. Genau drei Tage nachdem die Wahllokale geschlossen hatten.