Klug ist, wer sich schon jetzt auf das Revival einstellt. Platten und CDs herauskramt, in alten Modezeitschriften blättert und darüber nachsinnt, wie es sich in den glorreichen neunziger Jahren lebte. Noch sind die achtziger Jahre die "Retro"-Mode. Aber Nietengürtel, New-Wave-Frisuren und Synthiemusik - wie lange kann das halten? Unweigerlich muss etwas Neues kommen.

Dieses Neue meint in der Popkultur in der Regel das Alte, die Wiederbelebung vergangener Moden. Das haben auch Michael Jacksons Manager gedacht und einen Mann wieder ins Rennen geschickt, der aussieht wie ein Toter. Das Gesicht ist in dem Video zu Jacksons neuer Single You Rock My World nicht zu sehen, tief hat er den Hut herabgezogen. Er tanzt wie ein junger Gott, aber es heißt, dass es ein Double sei, das die Beine verdreht wie der "King of Pop" in seinen besten Jahren, den Achtzigern. Auch die Musik erinnert an traditionelle Jackson-Songs wie I Just Can't Stop Loving You von dem Album Bad. In den Achtzigern lagen die Sechziger im Trend, in den Neunzigern die Siebziger, im neuen Jahrtausend (vorerst) die Achtziger - so schließt sich der Kreis. Offenbar sind zwanzig Jahre die Spanne für den Umschlag von Ekel in Nostalgie.

Übrigens sind es in den seltensten Fällen die authentischen Vertreter einer Ära, die sie wieder aufleben lassen. Meistens sind es die Jungen, auf der Suche nach der Differenz zu der Generation, die direkt vor ihnen kam. Jackson ist wieder in. Seine Songs, egal ob alt oder neu, werden in Berliner Technoclubs mit Elektrosounds zu raffinierter Tanzmusik amalgamiert. Eine Coverversion seines Klassikers "Smooth Criminal" im NuMetal - Stil erklimmt momentan die Hitparaden.

Zitieren ist en vogue und keineswegs ehrenrührig in der Popmoderne. Aber das wahllose Zitieren aus der Frühzeit ist dem gezielten Zugriff auf ein in sich homogenes Zeichensystem gewichen. Heutzutage folgt ein ästhetischer "Zyklus" auf den nächsten, jeder ist geprägt durch ein vorherrschendes Moment. "Die Achtziger" meinen einen solchen Zyklus, bisweilen umspannt er jedoch auch nur wenige Monate. "Out ist in und in ist out", sagt die Werbebranche, übersetzt heißt das: Im Pop gilt eine "antizyklische" Haltung als progressiv.

Die Frage, ob Jackson mit seinem neuen Album Erfolg hat, ist also weniger von dessen Qualität abhängig als vielmehr von der Trendlage. Vollkommen willkürlich entscheiden die jungen Käufer darüber, ob der alternde Star wieder aufgenommen wird in den Popzirkus. Es kommt nur darauf an, ob er lange genug aus ihm ausgeschlossen war. Vor dem Erfahrungshintergrund einer jüngeren Generation kann das gerade Vergangene neu erscheinen. Oder in der Formulierung des Kunstphilosophen Boris Groys: "Unter den Voraussetzungen der radikalen Pluralität kann buchstäblich alles als neu gelten, denn immer findet sich jemand, der von bestimmten Dingen immer noch nichts gehört hat, von denen alle anderen schon nichts mehr hören können." Ältere können den billigen Synthiesound der frühen Jackson-Alben nicht mehr hören. Für Zwanzigjährige ist er eine Offenbarung.

Groys führt uns mit dem Begriff "radikale Pluralität" noch eine weitere Ebene vor: Nicht nur Lebensalter spaltet den Kanon der Popkultur. Die früh einsetzende Spezialisierung des Interesses führt auch bei Gleichaltrigen zu unterschiedlichen Präferenzen. Zwischen der musikalischen Sozialisation in der DDR und der in der Bundesrepublik beispielsweise tun sich Gräben auf.

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