Seltsame Dinge geschehen in Teheran in jener Nacht, in der die Bombardierung Afghanistans beginnt: Kampfjets werden auf polternden Sattelschleppern am Hotel vorbeigezogen. Vielleicht wird bloß eine Parade vorbereitet, aber es fällt schwer, dergleichen nicht als Menetekel zu sehen. Am nächsten Tag ist der Empfang von CNN und BBC World Service merkwürdig oft gestört - immer, wenn Breaking News angekündigt werden, und das ist nach der ersten Bombennacht ziemlich oft. Am Nachmittag machen in der ganzen Stadt für mehr als vier Stunden die Handys schlapp. Hunderttausende sind plötzlich unerreichbar, die 12-Millionen-Metropole Teheran verfügt kaum über funktionierende öffentliche Fernsprecher. Der Neuankömmling, der sich über derartige Zufälle wundert und gar "Rechenschaft" über die rätselhaften Störungen in der morgigen Tehran Times erwartet, erntet mitleidig-sarkastische Kommentare der Ortskundigen: "Rechenschaft - das ist gut! Wirklich sehr witzig! Herzlich willkommen in Teheran!"

Niemandem ist es mehr als ein Achselzucken wert, dass die Obrigkeit die Hauptstadt nach Belieben stundenlang von den Kommunikationsmitteln abschneidet. Man registriert dergleichen sogar mit einer gewissen stoischen Genugtuung: Aha, die Herren werden also nervös.

Ausgerechnet in dieser fiebrigen Zeit - nur anderthalb Flugstunden entfernt nimmt der "große Satan" Amerika die Taliban unter Feuer - steht in der iranischen Hauptstadt ein kulturpolitisches Ereignis an, das man in weniger aufregenden Zeiten wohl epochal nennen würde: An diesem Abend wird im Teheraner Museum of Contemporary Art die erste große Werkschau eines zeitgenössischen westlichen Künstlers seit der Revolution eröffnet. Der Mönchengladbacher Künstler Heinz Mack - Mitbegründer der Gruppe ZERO, documenta- und Biennale-Veteran, berühmt durch seine frühen abstrakten Farbkompositionen, Lichtstelen, Rotoren und Land-Art-Aktionen - zeigt hier einen Querschnitt seiner Arbeiten unter dem Titel Wahlverwandtschaften.

Die Gnade Gottes für die Kunst

Man sollte meinen, dass die Teheraner Gesellschaft in Zeiten des Krieges anderes im Kopf hat als Die Energie der Farbe im Raum - so der Titel eines programmatischen Bildes von Mack. Doch ganz im Gegenteil: Man hätte den Zeitpunkt nicht besser wählen können. Die Ausstellung ist eine Sternstunde deutscher auswärtiger Kulturpolitik. Vielmehr könnte sie es sein. Aber die Eröffnung findet ohne den zuständigen Staatsminister Julian Nida-Rümelin statt, der zwar kommen wollte, sich nun aber vom deutschen Botschafter Rüdiger Reyels entschuldigen lässt: Wichtige Termine in Brüssel.

Brüssel! Sich in diesem Moment in Teheran mit irgendwelchen EU-Terminen zu entschuldigen ist schon eine beträchtliche politische Instinktlosigkeit. Und mag die Welt in Flammen gehen, die Buchpreisbindung bleibt bestehen! Weiß der Staatsminister nicht, dass mit der Rolle des Iran im "Krieg gegen den Terror" auch sämtliche reformerischen Errungenschaften der letzten Jahre auf dem Spiel stehen? Würde das Land weiter isoliert, hätten die Konservativen freie Hand, das sisypheische Werk des Präsidenten Khatami, die allmähliche Annäherung des Iran an den Westen, rückgängig zu machen. Sie warten nur darauf, die Massen wieder "Marg bar Amrika" ("Tod Amerika") rufen zu lassen. Welch eine Gelegenheit also für den Kulturstaatsminister, ein Zeichen zu setzen! Vertan im Dunst der Brüsseler Sitzungsräume.

Seit Jahren wird in Berlin beteuert, man wolle die kulturelle Außenpolitik als "Menschenrechtspolitik" neu ausrichten, und der Iran stehe dabei ganz oben auf der Liste. Hinter den Kulissen wird, wie man in Teheran erfahren kann, bereits sehr ernsthaft über die Neugründung des Teheraner Goethe-Instituts verhandelt, das nach der Revolution geschlossen worden war. Der Entwurf eines kulturpolitischen Rahmenvertrages zwischen Deutschland und dem Iran liegt dem zuständigen Ministerium für Kultur und islamische Führung zur Beratung vor. Niemand hier spricht es aus, aber jeder weiß, dass die derzeitigen kulturpolitischen Aktivitäten Probeläufe für das geplante Institut sind. Ein Besuch Nida-Rümelins in diesen schweren Tagen hätte den Weg frei machen können.