Tel Aviv/Ramallah

Ein neues Wort hat Einzug ins Hebräische gefunden: escapism, Flucht aus der Wirklichkeit. Die informationssüchtigen Israelis interessieren sich heute mehr für spanische Seifenopern als für Nachrichten. Die Politik dominiert nicht mehr jedes Gespräch. Man schmiedet Urlaubspläne für Thailand (wer sich das noch leisten kann) und redet darüber, welcher Pizza-Service am besten ist (zu Hause isst man am sichersten). Der Rückzug ins Private kommt nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus der Einsicht, dass man der Sackgasse der Gewalt nicht so schnell entkommen kann. Die Optionen sind in der Tat beschränkt.

Zum ersten Mal in der 52-jährigen Geschichte des Landes ist ein Minister einem palästinensischen Attentat zum Opfer gefallen. Ariel Scharon nutzte geschickt das neue Vokabular des amerikanischen Präsidenten. Er verglich Jassir Arafats Autonomiebehörde mit dem Taliban-Regime, das Terroristen "Unterschlupf gewährt". In der größten Militäroffensive seit der Unterzeichnung des Osloer Abkommens von 1993 rückten israelische Panzer bis weit in die palästinensischen Städte im Westjordanland vor. Es bleibt trotzdem unwahrscheinlich, dass die groß angelegte Suche nach den Mördern von Rechavam Zeevi in einer dauerhaften Wiederbesetzung der so genannten A-Gebiete oder gar in der Vertreibung der politischen Führung endet. "Sollten wir die Autonomiebehörde stürzen, wird es in den Palästinensergebieten ein Blutbad geben", warnt Außenminister Schimon Peres, der mit der zweiten Zunge der Regierung spricht.

Es liegt nicht im Interesse Israels, die von Arafat verwalteten Territorien wiederzuerobern. Niemand hat den Libanon-Krieg vergessen, in den die Armee fast zwanzig Jahre lang verstrickt war. Scharon, der die Truppen 1982 bis nach Beirut schickte - damals schon um dem PLO-Chef nachzujagen -, weiß das am besten. Außerdem wird Washington kaum zulassen, dass ausgerechnet jetzt der israelisch-palästinensische Konflikt völlig eskaliert.

Nach dem 11. September hoffte man zunächst in Israel, die Offensive gegen Afghanistan würde auch den eigenen Handlungsspielraum im Kampf gegen den Terror vergrößern. Jetzt aber ist die Koalition gegen bin Laden der Grund, dass Scharon seinem Erzfeind Arafat nicht den Garaus machen kann. Denn die arabische Welt würde dann den Amerikanern jegliche Unterstützung entziehen.

Washington umarmt derzeit Syrien und den Iran, während europäische Politiker den Israelis erklären, dass es guten und bösen Terror gebe, dass deshalb die Anschläge auf Tel Aviv und auf New York nicht zu vergleichen seien. Überspitzt gesagt: Wer gegen die israelische Besatzung, kämpft ist ein guter Terrorist.

Manch ein Israeli könnte da zustimmen. Sogar Ehud Barak hat einmal gesagt, dass er - wäre er als Palästinenser zur Welt gekommen - sich einer der militanten Befreiungsorganisationen angeschlossen hätte. Im vergangenen Jahr riskierte Barak seinen Posten als Ministerpräsident, um die Besetzung der Palästinensergebiete ein für allemal zu beenden. Der Gipfel von Camp David scheiterte, und Arafat setzte - statt auf Nachverhandlungen - auf die Intifada. Nach dem Regierungswechsel schrieben die Israelis den PLO-Chef als Partner ab. Arafat galt fortan nicht mehr als Teil der Lösung, sondern als Teil des Problems.