Henry Kissinger wollte ursprünglich nicht zur feierlichen Eröffnung des Jüdischen Museums nach Berlin kommen. In Paris war ihm kürzlich Unerfreuliches in der Öffentlichkeit widerfahren, nachdem man ihm in einer Publikation Völkermord in Vietnam und Kambodscha vorgeworfen hatte. Er ließ sich dann aber doch erweichen, als das deutsche Außenministerium ihm versicherte, es sei "schlicht undenkbar", dass einem Kissinger anlässlich der Einweihung eines jüdischen Museums in Berlin Ähnliches passieren könnte. Nach der Besichtigung der Ausstellung soll Kissinger gesagt haben: "Das ganze Zeug aus dem Mittelalter kannte ich gar nicht."

Der Zweck des neuen Museums ragt jedoch weit über das Mittelalter hinaus. Es hat sich in der Tat eine gewaltige Aufgabe gestellt und will nicht nur Kultur und Lebensstil deutscher Juden bis zur Neuzeit, sondern auch deren Vielfalt und Leistungen während der Blütezeit der so genannten deutsch-jüdischen "Symbiose" im 19. und 20. Jahrhundert bildlich dokumentieren. Bei dieser Symbiose handelt es sich freilich eher um eine missglückte (weil einseitige) Liebesgeschichte. Vor Hitler haben andere Europäer die Deutschen oft bewundert, beneidet oder gehasst; aber nur Juden, auch außerhalb Deutschlands, haben die Deutschen und ihre Kultur buchstäblich geliebt. Darum wohl sind die Spannungen zwischen Deutschen und Juden manchmal auf eine angebliche "Familienähnlichkeit" zurückgeführt worden. Heine nannte sie großsprecherisch die zwei "ethischen Völker" Europas; gemeinsam würden sie ein neues messianisches Zeitalter einleiten. Nach der Katastrophe stritt man um die Frage, ob es je einen "Dialog" oder gar eine "Symbiose" zwischen Deutschen und Juden gegeben habe. Der Streit war mühsam. Denn tatsächlichen Dialog kann es bloß zwischen Individuen geben; Völker brüllen sich nur an. Der Begriff "Symbiose" - der Botanik (!) entlehnt - ist ebenso zweifelhaft. In einer symbiosis im biologischen Sinne kann eine Lebensart einfach nicht ohne die andere existieren.

Als das Museum im vergangenen Monat eröffnet wurde, erinnerten sich nur wenige daran, dass es nicht das erste jüdische Museum in Berlin war. Das letzte hatte man im Januar 1933 in aller Stille eröffnet, nur eine Woche vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler (ein "echtes Museum mit Bildern und Kupferstichen und Kunsthandwerk ... alles gut arrangiert", schrieb das Berliner Tagblatt vom 24. Januar 1933). Besucher kamen nur wenige. Wir werden nie erfahren, ob die Eröffnung zu diesem Zeitpunkt ein Akt der Aufsässigkeit oder Naivität war. Karl Schwartz, der Direktor, schrieb später, man hätte vom ersten Tag an gespürt, dass "der Hauch des Todes durch die Hallen wehte".

Architektur und Ausstellung in offenem Konflikt

Die öffentliche Einweihung des neuen Museums in der Stadt, die den Holocaust hervorbrachte und verwaltete, war ein Staatsakt mit bemerkenswerten Untertönen. Die Bundesrepublik ist vielleicht das einzige europäische Land, das offiziell um die Opfer seiner Aggression trauert und ihrer gedenkt. (England ist das andere Extrem: Überall in London stehen Denkmäler, die blutige Schlachten, Generäle, Regimenter und uniformierte Kriegsverbrecher aus längst vergessenen Kolonialkriegen feiern, und gleich neben dem Hyde Park befindet sich sogar ein wahrscheinlich einzigartiges Denkmal, zu Ehren eines Maschinengewehrs vom Typ Maxim - oben ein nackter Lustknabe, unten das Bibelzitat: "Saul hat tausend erschlagen, aber David zehntausend"; was eine Verbindung zwischen Krieg, Sex und Religion nahe legt.)

Das öffentliche Interesse an dem neuen Berliner Museum ließ sich nur mit der vor kurzem erfolgten Einweihung des neuen, für den Bundestag umgebauten und renovierten Reichstagsgebäudes vergleichen. Noch während das Museum leer stand, zahlten fast 400 000 Besucher acht Mark Eintritt für eine Begehung der schiefen Ebenen, verwinkelten Korridore und geneigten Böden. Die Direktion könnte noch bedauern, dass sie das leere Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht hatte, denn schon jetzt melden sich Stimmen, die ursprünglichen düsteren Leerräume seien vorher eindrucksvoller gewesen als jetzt, nach dem Einbau von Trennwänden, Zwischenetagen mit ihren zusätzlichen Treppenaufgängen, voll gestopft mit Säulen, Vorhängen, Kästen, Apparaturen und Manuskripten, Büchern, Plakaten, Gemälden, Skulpturen und diversem Schnickschnack, angefangen von Teetassen aus dem 18. Jahrhundert und rostigen Beschneidungsmessern bis zu Moses Mendelssohns Lesebrille, durch die der "deutsche Sokrates" blickte, als er seinen Phädon schrieb, eines der meist gelesenen Philosophiebücher des 18. Jahrhunderts.

Das Galadiner zur Eröffnung des neuen Jüdischen Museums war eine fein abgestimmte Staatszeremonie unter Anwesenheit von 850 Gästen. Man hatte sie wohlbedacht ausgewählt unter der Elite des deutschen politischen Lebens, unter führenden Geschäftsmännern, Bankiers und Industriellen, Professoren, Sprösslingen aus alten preußischen Adelsfamilien und einer Reihe mächtiger und schwerreicher ausländischer Gäste, vorwiegend Juden, fast alle aus den Vereinigten Staaten.