Mit Wucht sind die verdrängten Inhalte des Berliner Wahlkampfes zurückgekehrt - als Koalitionsfrage: Rot-Rot oder Ampel? Der Triumphator Gysi und eine glanzlose SPD mit knapp 30 Prozent - oder der heikle Dreier, der sich jetzt schon in kleinliche Identitätsneurosen verstrickt?

Die SPD ächzt. Sie hatte sich doch nur mit der PDS verbündet, um die Große Koalition zu stürzen

ihr sei es nur um Landespolitik, um die innere Einheit der Stadt gegangen. Doch nun interveniert der Kanzler, dem es um Größeres geht: den Bundeswahlkampf, die Außenpolitik, das falsche rot-rote Signal gegenüber den Verbündeten. Auf der anderen Seite erpresst Gregor Gysi mit der "inneren Einheit" und fordert ein Stück Macht für seine 48 Prozent PDS-Wähler in Ostberlin.

Die "innere Einheit"? Im gespaltenen Land ist das ein Windbeutelwort für alle Füllungen. Ist das Ostberliner Votum wirklich das Mandat für Rot-Rot? Diese Alternative zwischen Regieren oder Ausgrenzen besteht nur für den ideellen Gesamtsozialarbeiter, der die 48 Prozent allein als psychologisches Krisensymptom sieht. Mit gleicher Fürsorge darf man auf Westberlin verweisen, wo es keine Mehrheit für Rot-Rot gab. Der Triumph der PDS schockiert gleichwohl. Aber was ist die PDS? Sie bediente heimatlose Pazifisten und eine Jugend, die in der Globalisierungkritik die Identität sucht, die sie in Berlin nicht findet. Die PDS ist eine Partei des Parteiverdrusses, die routiniert zwischen Ressentiment und Besserwisserei segelt. Damit fand sie nicht nur in Ostberlin Zuspruch. Und nicht nur links.

Leben auf der Zeitscholle

Denn der Berliner ist politisiert und unpolitisch zugleich, wenn es um das Gemeinwesen geht. Individuelle Verantwortung für die Stadt ist ein Fremdwort.

Man lebt im Kiez, in (langsam alternden) Protestkulturen, auf Zeitschollen, in einer etatistischen Idylle - und das ganz gut. Die Große Koalition hatte erfolgreich in den sozialen Frieden investiert - und dabei die Schuldenfalle verschärft. Dieser Frieden war Staatsaufgabe, nie Bürgersache. Jetzt aber steht Berlin am Kreuzweg. Entweder wird die Staatsidylle, die Sozialstaatsstadt weiter gepflegt