die zeit: In seinem berüchtigten Video vom 7. Oktober hat Osama bin Laden angekündigt, kein Amerikaner könne sich künftig in Sicherheit wiegen. Warum hat dieser Satz eine solche dämonische Wirkung auf westliche Zuschauer entfaltet?

Jean Delumeau: Der Westen hat seiner Angst kaum etwas entgegenzusetzen.

Allerdings gibt es Unterschiede in der Bewältigung. Die westeuropäischen Gesellschaften sind beispielsweise so dechristianisiert, dass sie der Angst nur materielle Antworten entgegensetzen können, also etwa eine verbesserte Zusammenarbeit der Militärs und der Geheimdienste, Beschlagnahme von Terroristengeldern und so fort. Die USA dagegen sind weniger säkularisiert.

Wir alle haben im Fernsehen eine Gesellschaft beobachten können, die sich spontan in Gottesdiensten ihrer gemeinsamen Werte versicherte und im Gebet zusammenfand. Wenn Europa bei einer neuen Anschlagwelle, etwa einem bakteriologischen Terrorkrieg, auch angegriffen wird, sind wir der Angst hilfloser ausgesetzt als die Amerikaner.

zeit: Gehen die westlichen Gesellschaften mit ihren kollektiven Ängsten heute auch anders um als zu Beginn der Neuzeit?

Delumeau: Im späten Mittelalter waren nicht Kriege, sondern Seuchen die größte vorstellbare Bedrohung. Während der großen Pest zwischen 1348 und 1350 starb ein Viertel, vielleicht sogar ein Drittel der europäischen Bevölkerung.

Die zweite Pestepidemie zwischen 1628 und 1630 war von den Soldaten des Dreißigjährigen Kriegs über den Kontinent verbreitet worden. In Norditalien kam es zu einer Katastrophe, die Alessandro Manzoni in seinem Roman Die Verlobten sehr realistisch beschrieben hat. Eine Stadt wie Mantua verlor damals drei Viertel ihrer Einwohner. In Mailand hat man während der Pest die sterblichen Überreste des heiligen Karl Borromäus durch die Straßen getragen.