Eigentlich fällt er nicht auf. Er ist ein kreuzbraver, leicht hochtoupierter Akkord, genauer: ein Nonenakkord aus einer übermäßigen und einer verminderten Hälfte, zerlegt zum plinkernden Dreiklangsgebimmel. Man braucht für seine Niederschrift weder Heldenmut noch Fantasie. Doch Fritz, der Komponist, sucht ebendiesen Akkord verzweifelt. Wie ein Getriebener hetzt er ihm, seinem privaten fernen blaublümigen Klang, bereits in der ersten Szene nach, springt seiner Grete aus den Armen und der Treppe zum Opernkünstlerleben entgegen. Das ist vielleicht auch besser für Fritz, denn Grete hat immer die Hand in ihrem Schritt, zappelt wild und glotzt blöd.

Die Oper Der ferne Klang, Franz Schrekers epiphanisches und autobiografisch durchpulstes Frühwerk, zwischen 1903 und 1910 unter Schmerzen gezeugt, ist hierzulande nicht sehr bekannt, trotz einiger Nachkriegsaufführungen (Kassel, Hagen) und zweier respektabler CD-Aufnahmen (unter Michael Halász und Gerd Albrecht). Das Werk, das im täuschenden Gewand einer Künstleroper die psychodramatische Verirrung zweier Menschen nachzeichnet, brauchte einen Erzähler, welcher den Weg der Entfremdung unerbittlich abschreitet. Zu zeigen wäre, dass hier alle Kunst gerade am Leben vergeht, auch wenn dem sterbenden Fritz am Ende von Harfe und Celesta der ersehnte ferne Klang über dem Kopf klingelt.

Der Regisseur Peter Mussbach lässt in der Staatsoper Berlin hingegen unerbittlich fummeln. Ihn interessiert einzig Grete, das Objekt der Begierde: stets im Blick und Griff von Männern. Früh schon - alle der Reihe nach - muss die dumme, irre Jungfer für schnelle Nummern herhalten, in der Stube daheim, später als Edelkurtisane in Venedig, am Ende als Straßendirne. Eine Entwicklung hat Grete (visionär leuchtend: Anne Schwanewilms) bei Mussbach nicht

Gesichter vergisst sie, weil sie die Männer stets hinter sich hatte.

So kann denn Mussbach am Ende das Personal aller drei Akte in voller Schminke auf die Szene bitten, obwohl es bei Schreker nicht mehr gebraucht wird.

Hauptsache, Freuds graue Bühnencouch ächzt. Gänzlich unmotiviert biegt Mussbach den Schluss um: In Berlin stirbt Fritz (ein öliger Strahlemann mit günstiger Höhe: Robert Künzli) nicht, sondern verlässt Grete abermals, höhnisch grinsend, über die Gangway des Lebens. Kein tödliches Scheitern einer Vision, sondern billiger, das Stück verratender Eskapismus. Und Grete liegt wieder da und glotzt, bis der Vorhang dem Wahnsinn ein Ende setzt.

Auwei!