Berlin

Selbstverständlich ging es früher auch um große Fragen, zum Beispiel die, wer die Kosten für die Brücke über die Jeetzel trägt. In Paris hielten sie das für eine Hinterlist, was die Berliner behaupteten, dass nämlich die Stahlfachwerkbrücke im Wendland, die nur von Personenzügen im Schritttempo überquert werden durfte, den Transport mit den schweren Castor-Behältern aus La Hague nicht aushalten würde. Unter Denkmalschutz stand sie übrigens auch noch. Und die Bundesbahn wollte für die Umbaukosten nicht aufkommen. Was ihn das für Energie gekostet hat, bis alles zum idealen Zeitpunkt - ideal aus Kanzleramtssicht - geregelt war und die französischen Partner das Objekt des Anstoßes, die Brücke, endlich besichtigt hatten, die an diesem Tag übrigens von besonders vielen deutschen Polizisten bewacht worden war: Frank-Walter Steinmeier muss, wenn er sich daran erinnert, ziemlich breit lachen. Das war früher, unendlich lange her, vor gut einem Jahr.

Die Abendsonne scheint herein, licht nehmen sich die Eingeweide des Amtes aus, die Bilder sind sorgsam ausgewählt, von der Chefetage sieht man hinüber zu Reichstag und Potsdamer Platz, irgendwie erscheint es fast wohnlich hier - was sich gut trifft, denn der Hausherr und sein Kanzler verbringen seit dem 11. September noch viel mehr Zeit in den Dienstzimmern. Früher haben sie gelegentlich über good governance philosophiert, jetzt müssen sie gut regieren.

Politik kehrt zurück, formuliert Gerhard Schröder ganz abstrakt, wenn er darüber grübelt, was sich prinzipiell seit dem Drama in New York verändert hat, in der Republik und für ihn. Ein political animal ist er zwar immer gewesen, Politik ist sein Leben, aber er weiß, dass das die allgemeine Stimmung nicht war. So hat er gelegentlich ganz gern die Seele baumeln lassen, oder er hat sein Arbeitsquartier in ein Restaurant am Gendarmenmarkt verlegt. Fürs Erste ist das vorbei. Und lachen muss er fast über den Kündigungsschutz, die soundsovielte Arzneimittelverordnung oder das Urheberrecht, an der Spitze der Prioritätenskala jedenfalls steht nichts mehr davon.

Renaissance für Pullach

Es muss und wird nicht so bleiben, dieses Gefühl von Dauererregung.

Machtfragen wie die künftige Koalition im Roten Rathaus von Berlin bleiben Kanzlerfragen. Ganz abgesehen davon, dass in den Parlamentsfraktionen ohnehin Alltag pur herrscht, kleine Etatstreitereien, höhere Beitragssätze für die Krankenkassen, vorverlegte Straßenbauprogramme. Die Jeetzel fließt überall, und sie fließt ewig. Und dennoch dürfte sich an der Rangordnung dessen, was relevant und was irrelevant ist, groß und klein, auf lange Sicht etwas verschoben haben.