Madi friert. Doch beklagen kann er sich nicht. Der 15-Jährige hat das Sprechen nicht gelernt. Wie ein Stück Proviant steckt sein kleinwüchsiger Leib in einem Beutel, den sein jüngerer Bruder Ayub auf den Rücken eines Maultiers geschnürt hat - neben die Traktorreifen, die er hinter der irakischen Grenze verkaufen will. Am Abend kehren die Brüder in ihr Bergdorf im iranischen Kurdistan zurück, mit ein paar Lebensmitteln und einem Schulheft für die Schwester. Für die Operation, die Madis Leben verlängern könnte, ist wieder kein Geld übrig geblieben. Und beim nächsten Mal, wenn Ayub zum Schmuggeln über die Berge zieht, werden die Wege noch beschwerlicher sein, der Wind noch schneidender, und den Lasttieren wird man noch mehr Raki ins Trinkwasser kippen, damit sie ihre Instinkte vergessen und die Tortur mitmachen. Bis ihnen am Ende im Schnee die Knie und der Rest Überlebenswille wegknicken und der Film im Ungewissen lässt, ob der ganze Aufstand gegen die Kälte und das Sterben jemals etwas anderes sein wird als hoffnungslos. Zeit der trunkenen Pferde von Bahman Ghobadi ist eine Sensation. Nicht so sehr, weil er in Cannes die Camera d'Or erhielt (als bestes Debüt) oder weil der Iran ihn jetzt für den Oscar anmeldet. Er ist vor allem der erste kurdischsprachige Film, der beim Verleih in der Türkei tatsächlich in der Originalsprache laufen durfte. Die Geschichte von Ayub, Madi und ihren drei Geschwistern hat die Wucht eines großen neorealistischen Melodramas. Doch während in Fahrraddiebe kunstvoll gesetzte Scheinwerfer die Augen der Leidenden leuchten lassen, hält sich Ghobadi zurück. Mit dokumentarischer Strenge lässt er seine Protagonisten durch eisige Mondlandschaften stapfen.

Und wenn in ihren Gesichtern etwas glänzt, ist das vielleicht mal eine Träne, meistens aber bloß tauender Schnee.