Der Mythos: Zwar gibt es keine absolute Objektivität der Lehrer bei der Beurteilung von Klassenarbeiten, aber die Noten in Mathematik sind viel "gerechter" als die in Sprachen oder Geschichte. Eine Mathematikaufgabe kann nur richtig oder falsch gelöst sein. Daran kann auch eine subjektive Lehrersicht nichts ändern.

Die Wirklichkeit: Mathematikzensuren sind keineswegs immer verlässlich. Noten für Zeichnungen in der Geometrie oder für teilweise richtig gelöste Aufgaben können streuen wie in geisteswissenschaftlichen Fächern. Für die Geometrie belegte dies bereits 1912 eine Studie im US-Bundesstaat Wisconsin. Die Forscher hatten eine Geometrie-Abschlussarbeit an 180 höhere Schulen geschickt und um Benotung gebeten. Die Bewertungen wichen zum Teil extrem voneinander ab. So gaben einige Lehrer Negativpunkte für Rechtschreibfehler, während das andere überhaupt nicht störte. Auch Form, Aufmachung und das äußere Bild der Arbeit führte zu ganz unterschiedlichen Bewertungen. "Die Variabilität der Urteile ist somit keine Funktion des Themas, sondern eine Funktion des Prüfers und der Prüfungsmethode", folgert die Studie. Was dagegen zu tun sei, dafür gibt es nur halbherzige Vorschläge. So heißt es in der US-Studie, Lehrer sollten in ihrer Ausbildung vermehrt lernen, Schülerleistungen objektiver zu bewerten. Dem widmet sich die Lehrerausbildung inzwischen zwar ausgiebig - an der Subjektivität von Urteilen aber hat dies wenig geändert. So hat eine Untersuchung am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck 1989 gezeigt, dass Mathematiklehrerinnen und -lehrer für dieselben Rechnungen mit denselben Fehlern die unterschiedlichsten Noten vergaben. Die einen duldeten nicht den geringsten Fehler, andere waren bereits zufrieden, wenn allein der Rechengang stimmte.