Die Geschichte der Familie Warburg ist untrennbar mit der Stadt Hamburg verbunden - eine sowohl aus wirtschaftlicher als auch kunsthistorischer Sicht seltene und bemerkenswerte Konstellation. Das 1798 gegründete jüdische Bankhaus entwickelte sich während des Kaiserreiches und der Weimarer Republik zu einem der bedeutendsten Geldinstitute. Wenn nun am 13. und 14. November bei Stargardt in Berlin mehrere hundert Autografen aus dem 18. und 19.

Jahrhundert mit einem Schätzwert von annähernd 800 000 Mark unter den Hammer kommen, wirft das ein neues Licht auf den Bankier Max Warburg, aus dessen Besitz das Auktionsgut stammt.

Bisher war er immer als der erfolgreiche Finanzmann angesehen worden, der es seinem Bruder Aby ermöglichte, seinen geisteswissenschaftlichen Interessen nachzugehen - mit nachhaltigen Folgen für die Kunst- und Kulturgeschichte.

Aber auch Max Warburg (1867 bis 1946) pflegte jenseits von Konten und Krediten musische Neigungen. Er sammelte handgeschriebene Gedichte, Briefe und Manuskripte von Dichtern, Musikern und Wissenschaftlern, darunter Notate von Johann Wolfgang von Goethe, Eduard Mörike, Heinrich von Kleist, Franz Kafka, Marcel Proust, Leo Tolstoj und Albert Einstein.

Der Nachfahr und jetzige Vorstandsvorsitzende des Hamburger Bankhauses, Max Warburg jr., "hatte persönlich kein Interesse an der Sammlung", wie Wilfried Weber, der Antiquar und Inhaber der Buchhandlung Felix Jud, sagt. Ihm wurde der Auftrag zuteil, das über Flucht und den Zweiten Weltkrieg gerettete Material zu sichten und vorzuschlagen, "was man damit machen könne".

Nach der fast halbjährigen Katalogisierung Hunderter von Blättern aus dem ganzen Spektrum der Bildungswelt des 19. Jahrhunderts riet Weber, sie zum Berliner Auktionshaus Stargardt zu geben. Anhand handschriftlicher Anmerkungen erkannten die jetzigen Inhaber des Auktionshauses, Klaus und Wolfgang Mecklenburg, drei Blätter wieder, die Warburg einst bei ihrem Großvater ersteigert hatte: Franz Grillparzers Gedicht Alma von Göthe, verfasst anlässlich des Todes von Goethes "allerliebster" Enkelin im Jahr 1844 (6000 Mark), und das Schreiben von Hermann Fürst von Pückler-Muskau aus dem Jahr 1808, in dem er sich für vierstellige Schulden entschuldigt, die er durch den Verkauf einiger Pfer de auszugleichen gedenkt (600 Mark).

Eine der Kostbarkeiten der Sammlung, das zweieinhalbseitige Manuskript des Märchens von der Toten Zarentochter von Alexander Puschkin aus dem Jahr 1833 (75 000 Mark) hatte Warburg im Mai 1871 im Leipziger Auktionshaus List & Francke unter den Hammer gekommen. Es stammt aus der Sammlung des Dichters Adolf Böttger ebenso wie die unveröffentlichte freche Goethe-Parodie von Heinrich von Kleist aus dem Jahre 1808 Unter allen Zweigen ist Ruh (25 000 DM).